Das Schokoladen-Schlaraffenland

Die Berliner Schokoladen-Manufaktur Rausch wird 100. Zum Jubiläum eröffnet der Edel-Chocolatier am Gendarmenmarkt eine neue Erlebniswelt. Hier kann man die ausgefallensten Schoko-Kreationen nicht nur probieren und kaufen, sondern auch eine Menge lernen: zum Beispiel über die Herstellung von Kakao und guter Schokolade, über Aromen und feinen Geschmack. 

Munter und mit gespitzten Ohren traben die Rösser auf dem Brandenburger Tor. Wie man sie kennt, den linken Huf synchron in der Luft. Doch etwas ist anders: Genau! Die vier Pferde sind aus Schokolade. Ebenso wie das gesamte Tor. Das süße, etwa 145 Zentimeter hohe Miniaturmodell des berühmten Berliner Wahrzeichens steht etwa einen Kilometer entfernt vom Original – im Rausch-Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt.

„Unser Brandenburger Tor wiegt etwa 485 Kilogramm. Wir haben 340 Stunden daran gearbeitet. Und dann wurde es beim Transport von unserer Manufaktur in Berlin-Tempelhof hierher komplett beschädigt. Sehr ärgerlich, denn wir mussten es neu aufbauen“, erläutert Robert Rausch. Er ist Geschäftsführer der Rausch GmbH. Und das bereits in der fünften Generation. 1918 gründete Wilhelm Rausch in Berlin die Rausch-Privat-Confiserie in der Stadt und produzierte dort feinste Schokoladen, Trüffel und Pralinen. Heute, 100 Jahre später, eröffnet sein Ururenkel Robert in der Charlottenstraße, Ecke Mohrenstraße das größte Schokoladenhaus der Welt. Ein Erlebnis-Areal, in dem sich auf rund 1.500 Quadratmetern alles um die Herstellung und den Genuss der Berliner Edelkakao-Schokolade dreht.

Rausch und Berlin verbindet eine lange, erfolgreiche Geschichte.
Robert Rausch, Geschäftsführer Rausch GmbH

„Wir wollen in unserem Schokoladenhaus zeigen, dass Schokolade ein Genussprodukt ist – wie Wein oder guter Käse. Vor allem aber möchten wir die Sicht auf die Schokolade verändern, denn unsere ist mehr als eine Süßigkeit“, so Robert Rausch, der die Leitung des Unternehmens vor vier Jahren von seinem Vater Jürgen übernahm. Leger gekleidet steht der 31-Jährige im Erdgeschoss des Gebäudes. Der Verkauf an der „längsten Pralienentheke der Welt“ läuft wie gewohnt. 250 Edelpralinen stehen hier aktuell zur Auswahl, in den Regalen glänzen edle Sortiment-Mischungen und bunte Pralinenschachteln. Wie etwa die goldgrünen Verpackungen der „Klassiker-Pralinen“ im derzeit sehr angesagten Look der 1920er-Jahre oder die roten „Premium-Schatullen“ – ein Bestseller. Alles wirkt elegant-entspannt. Forschergeister zieht es jedoch weiter in den ersten Stock, denn hier wartet – der Dschungel.

Die „Plantagenwelt“ ist das Herzstück des neuen Rausch-Schokoladenhauses, das Mitte November offiziell eröffnet. Per Kopfhörer und über interaktive Touchpoints können die Besucher hier auf Erlebnisreise gehen. Sie sehen, fühlen und schmecken was Edelkakao-Sorten unterscheidet und woher sie stammen, laufen durch einen tropischen Urwald, der in einer Klimakammer naturgetreu angepflanzt wurde und lernen in der hier teilweise nachgestalteten firmeneigenen Plantage, wie in Costa Rica Edelkakao angebaut und getrocknet wird. Am Ende des Rundgangs können die großen und kleinen Schoko-Forscher selbst Kakaobohnen mahlen, rösten und daraus eigene Schokolade herstellen.

Letzteres scheint zunächst recht einfach. Doch lernt man hier schnell: Auf die Zutaten kommt es an: „Für die Herstellung einer hochwertigen Schokolade benötigt man lediglich Kakao, Rohrzucker und zusätzlich etwas Kakaobutter. Geschmacksunterschiede ergeben sich in erster Linie durch die Kakaosorte. Eine Edelkakao-Bohne hat bis zu 400 Aromen“, erklärt Robert Rausch. Wie man in der Plantagenwelt ebenfalls erfährt, bezieht Rausch seine Bohnen von Plantagen in Ecuador, Trinidad, Papua-Neuguinea, Madagaskar, Venezuela, Costa Rica, Peru und Grenada. Mitarbeiter von Rausch reisen um die ganze Welt, um neue, edle Bohnen aufzustöbern. „Es ist immer wieder toll, wenn ich einen Anruf erhalte und mir einer meiner Scouts aufgeregt erzählt, dass er eine neue Sorte entdeckt hat“, freut sich Robert Rausch.

Seit 2015 setzt die Rausch GmbH auf den Direktvertrieb. Der Verkauf läuft inzwischen ausschließlich über den Online-Handel auf rausch.de und über das Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt. „From-Tree-to-Door“ heißt das Konzept. Seine Edelkakaos bezieht das Unternehmen direkt von den Plantagen in den Herkunftsländern. „Durch diese enge Zusammenarbeit und den Verzicht auf Zwischenhändler garantieren wir den Kakaobauern Preise, die deutlich über dem Weltmarktniveau liegen und sichern gleichzeitig die Qualitätskontrolle ab dem Anbau“, so Rausch. Das hat natürlich seinen Preis. „Über die Handelsbörsen bezogener Konsumkakao kostet ungefähr 1.300 Dollar pro Tonne, wir zahlen für unsere Edelbohnen rund 6.000 Dollar. So sichern wir unsere Qualität. Wir verkaufen schließlich keine 30-Cent-Schokolade.“

Wie zur Bekräftigung bricht Rausch ein Stück von einem Stick aus 60-prozentiger „Peru“-Schokolade ab. Es knackt. „Daran erkennen Sie eine gute Schokolade“, sagt der Experte. „Das Geräusch und die glatte Bruchkante verraten einen hohen Kakaogehalt. Qualitäts-Schokolade erkennt man außerdem daran, dass sie auf der Zunge schmilzt und ihr Aroma entfaltet. Billige Schokolade wird im Mund leimig, weil Fremdkomponenten wie etwa Palmöl oder Sojalecithin zugemischt werden.“ 

„From-Tree-to-Door“, das bedeutet auch, dass Rausch-Schokolade stets frisch zum Verbraucher kommt und nicht etwa überlagert im Supermarktregal an Geschmack verliert. Es heißt außerdem, dass die rund 1,2 Millionen Kunden, die das Schokoladenhaus im Jahr besuchen, fachkundig beraten werden. 65 Chocolatiers, Konditoren und Servicekräfte beschäftigt das Haus am Gendarmenmarkt derzeit. Bundesweit sind 600 Mitarbeiter für Rausch-Gruppe tätig. Neben der Manufaktur in Berlin-Tempelhof besitzt das Unternehmen noch ein Werk im niedersächsischen Peine, das Premium-Schokoladen für Handelsmarken produziert.

Im Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt zeigt Rausch, wie vielfältig Schokoladengenuss heute sein kann. Neu ausgebaut wurde auch der zweite Stock des Gebäudes. In einer „Live-Patisserie“ fertigen Chocolatiers die ausgefallensten Schoko-Kreationen. In der „Circle Bar“ fahren diese wie in einem Sushi-Restaurant auf dem Laufband frisch an den Gästen vorbei und können dort mit Blick auf den Gendarmenmarkt genussvoll verzehrt werden. Pralinen und Kuchen sind ebenso dabei wie Wraps mit Schokolade. Denn eins ist sicher: Einem guten Chocolatier sind heute keine Genre-Grenzen mehr gesetzt. Im weltgrößten Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt kann man das mit allen Sinnen erleben.

Vor dem schokoladenen Brandenburger Tor im Erdgeschoss drängen sich inzwischen die Touristen. Robert Rausch schaut auf seine Armbanduhr. Wie immer gibt es für ihn viel zu tun. Unter seinem Ärmel blitzt ein Kakao-Bohnen-Tattoo hervor. Ein Mann mit Schoko-Leidenschaft! Und zugleich ein echter Berliner. „Wir denken darüber nach, Satelliten-Shops in New York oder Dubai zu eröffnen“, sagt Rausch. Er betont allerdings: „Berlin wird immer unser Hauptstandort bleiben. Schließich verbindet Berlin und Rausch eine lange, erfolgreiche Geschichte.“

 

Fotos: Berlin Partner/vdo

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