Die digitalen Pflegehelfer

Das Berliner Start-up Töchter & Söhne bietet kostenfreie Online-Kurse für pflegende Angehörige. Für diese richtungsweisende Idee wurde das Unternehmen unlängst mit dem vdek-Zukunftspreis ausgezeichnet. Die Geschichte von Töchter & Söhne spricht von Innovationsgeist – und ist zugleich typisch Berlin.

Rund 2,9 Millionen Pflegebedürftige gibt nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland. Etwa 2 Millionen dieser alten oder kranken Menschen werden daheim versorgt – durch ambulante Pflegedienste, meist jedoch von Angehörigen – und die sind mit der Situation oft überfordert. „Eine Pflegebedürftigkeit entwickelt sich entweder schleichend. Oder sie kommt wie ein Blitzschlag. Vor allem in letzterer Situation stehen Angehörige plötzlich vor einem Berg von Fragen: Was muss ich machen? Wo kriege ich Unterstützung? Wer hilft mir? Wie kann ich die Pflege finanzieren? Hier setzen wir an“, so Florian Caspari

Der 44-Jährige ist Geschäftsführer von „Töchter & Söhne“. Das Start-up mit Sitz in Berlin-Schöneberg gewann Mitte Oktober den Zukunftspreis des Verbands der Ersatzkassen (vdek) für seine richtungsweisenden Produkte: Online-Pflegekurse für Angehörige und ehrenamtliche Helfer. „Dem Gründer, Thilo Veil, kam die Idee zu Töchter & Söhne, als er sich für ein Jahr aus dem Berufsleben zurückzog und selbst mit einer Pflegesituation konfrontiert wurde. 2012 gründete er das Unternehmen“, sagt Caspari, der selbst später zu Töchter & Söhne stieß. Er ergänzt. „Unser Ansatz ist es, pflegenden Angehörigen zu helfen. Vor allem brauchen sie hochwertige Informationen, emotionale Unterstützung, aber auch Hilfe bei organisatorischen Fragen.“


In Berlin kann sich jeder entfalten, wie er will. Hier kann jeder seine Idee verfolgen.
Florian Caspari, Geschäftsführer Töchter & Söhne

Die interaktiven Online-Kurse von Töchter & Söhne bieten rund um die Uhr schnell und unkompliziert Hilfestellung. Zertifizierte Pflegeberater begleiten die Kursteilnehmer sechs Monate lang und beantworten online individuelle Fragen. Das Angebot ist für die pflegenden Angehörigen kostenlos, denn die Kursgebühren werden von  Pflegekassen übernommen. Auch darum kümmert sich Töchter & Söhne. Interessenten müssen sich lediglich unter Angabe ihrer Versichertennummer auf der Plattform registrieren. Ein Rundum-sorglos-Parket im Sorgenland der privaten Heimpflege. Das Angebot kommt an: Mit rund einen Drittel der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen auf dem deutschen Markt hat Töchter & Söhne inzwischen bereits Verträge.

Zugleich ist der Service des Start-ups typisch Berlin. Die Hauptstadt ist nämlich nicht nur florierende Gründermetropole, sondern auch „Health Capital". Die Region Berlin-Brandenburg zählt inzwischen zu den weltweit führenden Standorten für Gesundheitswirtschaft, Gesundheitsversorgung und Life Sciences. Rund 300 Medizintechnikunternehmen, 230 Biotechnologiefirmen, 30 Pharmaunternehmen und über 130 Kliniken haben sich hier angesiedelt. Jeder achte Berliner ist inzwischen in der Gesundheitsbrache tätig.

An den Schnittstellen zwischen Gründerhauptstadt und Gesundheitsmetropole erwachsen recht häufig innovative Entwicklungen. Wie etwa das e-Health-Projekt vom Töchter & Söhne. „Der Standort Berlin hat sich für unsere Entwicklung als sehr wertvoll erwiesen“, sagt Florian Caspari. „Ausgesprochen hilfreich war, dass das Land uns über die Investitionsbank Berlin Fördermittel zur Verfügung gestellt hat. Außerdem sitzen wir hier in Bezug auf das Thema digitale Gesundheit direkt am Puls des Geschehens. In Berlin sind Krankenhäuser, Unternehmen, hochkarätige Forschungseinrichtungen sowie die meisten relevanten Institutionen und Verbände ansässig. Es gibt hier außerdem viele Netzwerkveranstaltungen zum Thema e-Health. Persönliche Kontakte sind für uns essenziell. “  

 

 

Um die Qualität seines Angebot zu sichern, setzte Töchter & Söhne von Anfang an auf die Zusammenarbeit mit der Hochschulforschung. So wurden der Basis-Pflegekurs ebenso wie der „Demenz Spezial“-Kurs des jungen Unternehmens in Zusammenarbeit mit dem zunächst in Berlin ansässigen Dr. Matthias Zündel erarbeitet, der inzwischen als Professor für Gesundheits- und Pflegemanagement an der Hochschule Bremen tätig ist. Auch mit der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité arbeitet Töchter & Söhne aktuell zusammen. Gemeinsam mit Matthias Zündel veröffentlicht das Unternehmen außerdem regelmäßig Forschungsergebnisse zu den Online-Kursen. Wir wollen zeigen, dass unser Angebot auch wirkt“, so Caspari. Derzeit umfasst das Angebot von Töchter & Söhne die Formate „Grundlagen der häuslichen Pflege“, „Alzheimer und Demenz“ sowie „Wohnen und Pflege im Alter“. 

Auch intern nutzt Töchter & Söhne Interdisziplinarität und enge Zusammenarbeit. Das Team des Start-ups zählt inzwischen zehn Mitarbeiter. Entwickler, Designer und Gesundheitsexperten gehören ebenso dazu wie Betriebswirte. „Wir möchten möglichst alle Kompetenzen an Bord haben“, erläutert Caspari. Große Chancen für die Gesundheitswirtschaft sieht der studierte Sportwissenschaftler, der in Gesundheitswissenschaften promovierte, in einer noch engeren Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Studierende, die Praxiserfahrung suchen, sind als Praktikanten bei Töchter & Söhne daher immer willkommen.

Und wo soll die Reise für das junge e-Health-Unternehmen noch hingehen? „Ideal wäre es, wenn wir künftig sämtliche Pflegekassen an Bord holen könnten. Außerdem möchten wir uns mit weiteren Services noch stärker im Markt etablieren“, so Caspari. Die Hauptstadt bietet dafür die besten Voraussetzungen: „In Berlin kann sich jeder entfalten, wie er will. Hier kann jeder seine Idee verfolgen. Das gilt auch für Start-ups. Ich finde das echt toll!“        


Fotos

oben: ©Charité - Universitätsmedizin Berlin"
Mitte: © Andrey Popov | Dreamstime.com
unten:© vdek/Georg J. Lopata

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