adday/adnight: Inspiration für junge Berliner Kreative

Ein Job in der boomenden Berliner Kreativszene –  für viele junge Menschen ein Wunschtraum. Auf dem ersten Berliner Karrieremesse adday/adnight konnten Schüler, Studierende und andere junge Talente am 18. Oktober im TAK Theater am Moritzplatz Ideen und Kontakte sammeln – im Gespräch mit elf Berliner Kommunikationsagenturen.

Ungewöhnlich passiv sitzt Grant in seinem Stuhl und starrt dabei in die Leere. Ansonsten wirkt er wie ein ganz normaler Mensch. Doch das trügt. Als idealer Mitarbeiter einer Werbeagentur verfügt er über spezielle Eigenschaften. So hat er etwa eine extra dicke Haut, ein Rückgrat, das bei Kunden-Meetings entfernt werden kann, eine zusätzliche Leber zum Verarbeiten des vielen Alkohols – und Ohren, die widersprüchliche Stimmen automatisch wegfiltern. Grant ist natürlich kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern Protagonist eines Onlinefilms des Melbourne Advertising and Design Club (MADC), in dem sich die Werbebranche aktuell selbst parodiert. Denn das Leben der Werber, das wissen Außenstehende nicht erst seit der TV-Serie „Mad Men“, ist zwar spannend und abwechslungsreich, aber auch verdammt stressig.

Trotzdem zieht es nach wie vor viele junge Menschen in die Branche. Das gilt vor allem für Berlin. „Die Berliner Agenturlandschaft gehört zu den kreativsten in Deutschland. Keine andere Agenturlandschaft hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt“, sagt die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Mehr als 4.200 Werbeunternehmen gibt es inzwischen in der Stadt. Diese beschäftigen rund 25.000 Mitarbeiter. Und – wie viele andere Unternehmen auch – suchen diese laufend nach weiteren Talenten: nach Einsteigern ebenso wie nach berufserfahrenen „High Potentials“. „Die Konkurrenz unter uns Agenturen um Mitarbeiter ist groß“, weiß etwa Stefanie Rümmler von Scholz & Friends Berlin zu berichten. „Im Kreativbereich gibt es viele Bewerber. Aber nur wenige, die richtig gut sind bzw. richtig für uns. Die Leute müssen ja zu uns passen. Bei Scholz & Friends geht es eher familiär zu.“

 

 

Die Berliner Agenturlandschaft gehört zu den kreativsten in Deutschland. Keine andere Agenturlandschaft hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt.
Ramona Pop, Berliner Bürgermeisterin, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe

Stefanie Rümmler arbeitet in der Abteilung „People & Culture“ der renommierten Agentur und ist zuständig für das Recruitment neuer Mitarbeiter. An diesem Nachmittag steht sie an einem kleinen Stand in den Räumen des TAK Theaters im Aufbau-Haus am Kreuzberger Moritzplatz. Zum ersten Mal findet hier die Karrieremesse adday/adnight statt, zu der elf Berliner Kommunikationsagenturen eingeladen haben. Rund 400 Schüler, Studenten und Freelancer haben sich eingefunden. Die Atmosphäre ist einladend und gemütlich. Die Agenturen –  das sind BBDO, DDB, familie redlich, fischer Appelt, MetaDesign, Saatchi & Saatchi Pro, Scholz & Friends, TLGG, ressourcenmangel, Serviceplan und Zum Goldenen Hirschen – präsentieren sich in schummriger Beleuchtung. Entspannt an Ständen mit Klapptischen und Campingstühlen. Dazwischen bunte Ballons, Spielzeugfiguren und Schilder mit flotten Sprüchen. Im Nebenraum gibt’s Vorträge. Aber auch ein Speed-Recruiting steht den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern offen. Hier können sich Agenturen und Bewerber – ganz zeitgemäß – im Tinder-Takt beschnuppern.

Die meisten der jungen Talente suchen allerdings eher das ausführliche Gespräch. So wie Annegret. Sie hat bereits Bildende Kunst in Paris studiert, möchte ihr Studium in Berlin fortsetzen und sucht nebenbei den Einstieg als Illustratorin in die Werbebranche. „Ich gehe die Dinge gern von der praktischen Seite her an“, sagt sie. „Ich habe bereits Praktika in einer kleinen Werbeagentur und einer Druckerei gemacht  und würde gern als Praktikantin oder Trainee in einer großen Agentur anfangen.“ Ihre Freundin Kandis arbeitet als ausgebildete Kommunikationsdesignerin bereits seit einem Jahr festangestellt in einer kleineren Berliner Agentur. Sie erhofft sich vom adday vor allem „fachlichen Input“ über die Workshops. „Ich möchte später ebenfalls in einer großen Werbeagentur arbeiten – in einem großen Team, mit internationaler Ausrichtung und großen Kunden“, so die 24-Jährige.

Die Berliner Niederlassung von Saatchi & Saatchi ist eine solche Agentur. Sie ist Teil eines weltweiten Netzwerks – und daher auch bezüglich ihrer Kunden international aufgestellt. Doch Saatchi & Saatchi Pro biete Bewerbern noch einen weiteren Vorteil, so Creativ Director Benjamin Trogisch, der selbst nach dem BWL-Studium in seine Kreativ-Karriere startete: „Wir sind auf den Bereich Business-to-Business spezialisiert. Das heißt, wir kommunizieren faktisch, sinnhaft und ehrlich. Trotzdem darf in unserer Arbeit die Emotionalität nicht zu kurz kommen, der Mensch ist schließlich keine Maschine.“ Bewerberinnen und Bewerber müssten sich bei Saatchi & Saatchi Pro daher schnell in die Sprache der Kunden, aber auch in die Agentursprache einarbeiten können. Belastbarkeit, Teamfähigkeit und Kreativität vorausgesetzt. „Sie sollten durchaus auch Ellenbogen mitbringen, diesen aber nicht unbedingt einsetzen“, ergänzt Trogisch und fügt hinzu. „Mir persönlich ist außerdem Temperament im Team ganz wichtig.“

Temperamentvoll schaut der ideale Werber Grant in dem parodistischen Online-Clip allerdings so gar nicht aus. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich ist er kein Berliner!   
 

Fotos: Berlin Partner/vdo

 

 

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