Marktplatz der guten Taten

Speed Dating – aus der Welt der Online-Flirts ist diese schnelle Art der Kontaktanbahnung schon längst in den Business-Bereich gewandert. Ungewöhnlich ist allerdings die Idee, über das Format soziale Organisationen mit Unternehmen unkompliziert zusammenzubringen. Der Gute-Tat Marktplatz tut genau das. Im November fand er bereits zum 13. Mal in Berlin statt.

Voll ist es im Vortragssaal der IHK Berlin an diesem Donnerstagabend: Leicht ergraute Menschen mit Anzügen stehen neben jungen Leuten in Hoodies, T-Shirts und Jeans. Dazwischen bunte Gestalten: Eine Adelsdame mit goldener Zackenkrone steht neben einer Soldatin im hellblauen Samtrock. Eine grauhaarige Dame im schwarz-silbernen Cape schwebt an einer Frau vorbei, die eine große rosafarbene Zahl in der Hand trägt. Dazwischen sitzt ein Teddybär. Was soll das? Es ist doch nicht der 11.11.?

Gewiss nicht, denn der Anlass dieser Zusammenkunft ist trotz der entspannten Atmosphäre ein ernsthafter: Auf dem Gute-Tat Marktplatz, veranstaltet von der Stiftung Gute-Tat mit Geschäftsstelle in der Hauptstadt, treffen sich Vertreter von Berliner Unternehmen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sozialer Organisationen. Zwei Stunden lang haben sie Zeit, sich im Speed-Dating-Verfahren zu beschnuppern und herauszufinden, ob aus einem kurzen Treffen eine Zusammenarbeit entstehen kann. Da heißt es natürlich, auch optisch Aufmerksamkeit zu generieren! Falls die Partnerschaft passt, kann gleich vor Ort ein Vertrag geschlossen werden. Ob Zeitspenden, Sachspenden, die Bereitstellung von Dienstleistungen oder Know-how-Transfer: der Art der Kooperation sind keine Grenzen gesetzt. Nur Geldspenden sind auf dem Marktplatz der guten Taten tabu.

Rund 40 Unternehmen haben sich an diesem Abend im Ludwig-Erhard-Haus eingefunden und fast ebenso viele soziale Organisationen. Beeindruckend ist vor allem die Vielfalt des Angebots. Von Berlin Recycling bis zum Waldorf Astoria, von der „GemüseAckerdemie“ bis zur Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch ist alles dabei. Eine bunte Gemeinschaft – so lebendig und vielfältig wie Berlin. Zugleich hilft das Event, bei den Unternehmen und sozialen Akteuren Hemmschwellen und Vorbehalte abzubauen. Mit einem Gongschlag geht es kurz nach 17:30 Uhr los. Und um 19 Uhr herrscht immer noch emsiges Treiben im Saal. Königinnen, Soldaten und prachtvollvoll gekleidete Koreanerinnen sind eifrig ins Gespräch vertieft. Wie viele spannende Projekte sich daraus entwickeln werden, bleibt abzuwarten. 2017 wurden auf dem Gute-Tat Marktplatz in Berlin immerhin 56 Kooperationen geschlossen.

Ich wünsche mir für mein Projekt „BAbaLu ich + du“ Spiele. Neue oder gebrauchte. Am liebsten „Dixit“, das Spiel des Jahres 2010, denn es fördert die Fantasie und Empathie. Bei uns lernen Kinder mit Migrationshintergrund spielerisch Deutsch. Wir fördern Kinder zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr und helfen ihnen damit beim Einstieg in die Grundschule. Sprache ist schließlich der Schlüssel zur Bildung und Teilnahme an der Gesellschaft. Mein Team und ich arbeiten eng mit der Reginhard-Grundschule im Reinickendorfer Lettekiez zusammen.
Ganna Kozachyshyna, Projektleiterin BAbaLu ich + du / casablanca gGmbH
Wir benötigen vor allem Sachspenden für unsere Aufritte: technisches Equipment wie Musikanlagen, aber auch Rollkoffer oder Autos. Personelle Unterstützung hilft uns ebenfalls sehr, denn „Lichtmädchen“ erzählt Märchen und spielt Theater: in Flüchtlingsunterkünften, Seniorenheimen, Kindergärten, Hospizen, Kranken- und Waisenhäusern. Unser Motto lautet: „Märchen helfen heilen“. Sie gehen vom Kopf direkt ins Herz.
Marion Martinez, Lichtmädchen e. V. Berlin/Galli Theater
Wir beobachten seit einigen Jahren einen Wertewandel: Unternehmen müssen heute nicht nur gut sein, sie müssen sich auch gut verhalten – gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft. Der Gute-Tat Markplatz funktioniert vor allem deshalb so gut, weil sowohl die gemeinnützigen Organisationen als auch die teilnehmenden Unternehmen von den Partnerschaften profitieren, die hier in unkompliziertem Rahmen entstehen. Typisch für Berlin ist die Offenheit der Atmosphäre, aber auch die Bereitschaft der Teilnehmer, sich spontan auf Neues einzulassen.
Jürgen Grenz, Vorstand und Gründer Stiftung Gute-Tat
Es geht uns vor allem um Mentoring, Ausbildungsplätze, Sprachunterricht oder Bewerbungstraining. Hasim e.V. versucht, nordkoreanischen Flüchtlingen in Deutschland eine Ausbildung zu ermöglichen und damit langfristig zu helfen. Derzeit leben in Südkorea rund 30.000 Flüchtlinge aus Nordkorea, zwei- bis dreitausend davon studieren. In Korea eine Ausbildung zu erhalten, ist weitaus schwieriger als hier.
Dr. Misun Han-Broich, Dipl-Sozialarbeiterin, Hasim e. V.
Einsamkeit ist in einer Stadt wie Berlin nicht nur zur Weihnachtszeit ein wichtiges Thema. Rund ein Fünftel unserer Anrufer sind unter 60 Jahre. Primär wenden wir uns mit „Silbernetz“ jedoch an vereinsamte oder isolierte ältere Menschen. Über unsere Hotline können sie täglich von 8 bis 20 Uhr anrufen und „einfach mal reden“. Das ist auch unser Motto. Ab Weihnachten möchten wir unseren kostenlosen Service rund um die Uhr anbieten. Uns fehlt es vor allem an technischer Ausstattung – an Hardware ebenso wie an Software. Hier würden uns Sachspenden sehr helfen.
Elke Schilling, Initiatorin Silbernetz e. V.
Der Sofasportverein geht Sport mal ganz anders an. Wir flitzen nicht in der Mittagspause ins Studio, um unsere Körper zu optimieren, sondern treffen uns regelmäßig in wechselnden Gaststätten, um auf dem Sofa entspannt zu trainieren. Es gibt uns seit März 2017. Inzwischen haben wir bereits 48 Mitglieder, darunter zwei Schwerbehinderte. Wir wünschen uns aktuell Sachspenden in Form von Trikots für unsere Jugendmannschaft. Unternehmen bieten wir im Gegenzug Entschleunigungs-Seminare an, z.B. ein „De-Motivationstraining“ zur Vermeidung von Burn-Out.
Torben Bertram, Gründer Sofasportverein zu Berlin e. V.
Am Liebsten würden wir etwas bauen. Als Unternehmen geben wir das Material dazu, unsere Mitarbeiter Zeit und Engagement. Ich sammle hier Ideen und Adressen. Die werde ich dann unseren Mitarbeitern vorstellen. Ein schöner Seiteneffekt der Veranstaltung: Man erhält auch neue Anregungen. So wurde etwa im Gespräch die Idee an mich herangetragen, einen Syrer als Auszubildenden bei uns zu beschäftigen. Dieser Anregung werde ich nachgehen.
Prof. Dr.-Ing. Jan Uwe Lieback, Managing Director GUTcert GmbH
Wir suchen auf dem Gute-Tat Marktplatz vor allem nach Unternehmen, die uns Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Das House of Queer Sisters benötigt diese zum Beispiel für Seminare, Selbsthilfegruppen und Fortbildungen. Schwerpunkte unser Beratung sind HIV/AIDS und sexuell übertragbaren Infektionen. Wir informieren aber auch über Themen wie Menschenrechte oder Völkerverständigung. Der Marktplatz bietet mir außerdem die Möglichkeit, mich mit anderen Organisationen auszutauschen. Vielleicht ergibt sich so auch die eine oder andere Zusammenarbeit. Wir gehen überall hin, wo wir gebraucht werden.
Sister Mary Clarence, Erzäbtissin House of Queer Sisters e. V.

Fotos: Berlin Partner/vdo, Header: Bernd Fiedler/Stiftung Gute-Tat, Sister Clarence/Ute Lemper: House of Queer Sisters

 

 

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