Flugzeuge über ihren Köpfen hatten bei den Berlinerinnen und Berlinern noch wenige Jahre zuvor Todesangst ausgelöst. Bei den „Rosinenbombern“, die vom Juni 1948 bis in den September 1949 hinein über die West-Zonen der Stadt hinweg flogen, sah die Sache allerdings ganz anders aus. „Das war der Unterschied, dass wir keine Angst vor denen zu haben brauchten. Im Gegenteil, wenn die mal nicht geflogen sind, hat was gefehlt“, erinnert sich Zeitzeugin Margot Sharma in einem Video der internationalen Hilfsorganisation CARE.

Etwa 2,1 Millionen Tonnen Luftfracht wurden während der Blockade Berlins durch die Sowjetunion von US-amerikanischen, britischen und französischen, aber auch australischen, neuseeländischen, kanadischen und südafrikanischen Piloten im Minutentakt in den Westen Berlins geflogen. Darunter rund 1,44 Millionen Tonnen Kohle, 160.000 Tonnen Baustoffe und 490.000 Tonnen Lebensmittel. Mit an Bord waren auch die insgesamt  200.000 CARE-Pakete, die Amerikanerinnen und Amerikaner währen der Berliner Luftbrücke der notleidenden Berliner Bevölkerung spendeten. Ein ehrgeiziger Plan und eine unglaubliche Aktion, von der anfangs nicht einmal klar war, ob sie überhaupt funktionieren würde

Hauptursache der Berlin-Blockade, welche die drei westlichen Besatzungszonen der Stadt vom Rest Deutschland abschnitt, war die Währungsreform. Die Westmächte verkündeten sie am 18. Juni 1948 und führten sie bereits zwei Tage später in den westlichen Besatzungszonen ein. In Reaktion darauf unterbrach die sowjetische Militäradministration am 19. Juni den Personenverkehr von und nach Berlin, um sich vor einer Inflation durch die im Westen wertlos gewordene Reichsmark zu schützen. Am 23. Juni erließ sie ebenfalls eine Währungsreform für ihren Sektor und kündigte an, ganz Deutschland in diese Reform mit einzubeziehen. Die Westmächte erkennten diese „Ostwährung“ nicht an und übernahmen ihrerseits in West-Berlin die D-Mark aus den Westzonen Deutschlands. Berlin war jetzt in zwei Währungszonen geteilt. Die sowjetische Militäradministration reagierte mit einer unbefristeten Blockade der westlichen Sektoren der Stadt.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1948 wurde die Stromversorgung in Berlin unterbrochen und bis zum 29. Juni sämtliche Land- und Wasserwege gekappt. Die rund 2,2 Millionen Menschen in den westlichen Besatzungszonen, die gerade erst den Krieg überstanden hatten, befanden sich erneut in einer Notsituation. Allein die in den Westzonen gelagerten Lebensmittel hätten für maximal 36 Tage gereicht, die Kohle zum Heizen und Kochen für ungefähr 35 Tage. Der erste große Konflikt des Kalten Krieges stand vor der Tür.

Sofortige Rettung brachte die Berliner Luftbrücke. Die Hilfe aus dem Himmel wurde bereits am 24. Juni eingeleitet. Dass die Luftbrücke so schnell eingerichtet werden konnte, lag zum einen an einem Vertrag aus dem Jahre 1945, der den westlichen Stadtkommandanten drei Luftkorridore zwischen der amerikanischen und britischen Besatzungszone und Berlin zusicherte, zum anderen an der effizienten Zusammenarbeit der West-Alliierten. Zwei der Luftkorridore wurden systematisch für den Anflug der Güter genutzt, einer als Ausflugsschneise. „Nur 48 Stunden nach der Isolierung flogen die Alliierten die erste Luftbrücke nach Berlin, um die Stadt mit dem Notwendigsten zu versorgen. Sie sollte über ein Jahr anhalten. Trotz aller Drohungen der Sowjets ließen uns die Amerikaner und Briten nicht im Stich, hielten an Demokratie und Freiheit fest und versorgten uns dauerhaft über die drei Luftkorridore mit Lebensmitteln und Heizkohle“, berichtete eine Berlinerin gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel".

Inhalt eines CARE-Pakets ab März 1947

1 Pfund Rindfleisch in Kraftbrühe

1 Pfund Steaks und Nieren

0,5 Pfund Leber

0,5 Pfund Corned Beef

0,75 Pfund „Prem“ (Fleisch zum Mittagessen)

0,5 Pfund Speck

2 Pfund Margarine

1 Pfund Schweineschmalz

1 Pfund Aprikosen-Konserven

1 Pfund Honig

1 Pfund Rosinen

1 Pfund Schokolade

2 Pfund Zucker

0,5 Pfund pulverisierte Eier

2 Pfund Vollmilch-Pulver

2 Pfund Kaffee

Lief die Luftbrücke anfangs noch etwas chaotisch an, wurde sie unter Generalleutnant William H. Tunner, den der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, General Lucuis D. Clay, zum Leiter der Luftbrücke ernannte, logistisch perfektioniert. Bald landeten die Flieger in dreiminütigem Abstand in Tempelhof. Auch der Flughafen in Gatow und der von den Franzosen innerhalb von drei Monaten ausgebaute Flughafen Tegel wurden angeflogen. Verfehlte ein Pilot die Landebahn, musst er unverzüglich zurückfliegen, um die Gesamt-Taktung nicht zu gefährden. Piloten wurden während des 25-minütigen Entladens mit Kaffee und Snacks versorgt – wie es heißt, von den hübschesten Mädchen Berlins. Anschließend starteten sie erneut. Mechaniker sprangen teilweise noch während des Anrollens hektisch von den Maschinen.  

Über die Berliner Luftbrücke wurden nicht nur Versorgungsgüter wie Kohle und Nahrungsmittel transportiert, sondern auch 227.655 Passagiere sowie in Berlin fabrizierte Produkte, versehen mit dem Label „Hergestellt im Blockierten Berlin“. Ihren Höhepunkt erreichte die Luftbrücke mit der „Oster-Parade“, die William H. Tunner im April 1949 initiierte, um die Piloten zu motivieren und den bisherigen Einflugs-Rekord zu brechen. Das wahnwitzige Unterfangen gelang: Vom 16. bis zum 17. April wurden im Minutentakt von 1.398 Maschinen insgesamt 11.739 Tonnen Hilfsgüter nach Berlin geflogen. Wie unglaublich diese Leistung war, zeigt ein Vergleich: Über den Rest des Monats verteilt waren es 7.120 Tonnen.  

Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!
Ernst Reuter, Oberbürgermeister von Berlin, 9. September 1948

Besonders freudig begrüßt wurden die Luftbrücken-Piloten von den Berliner Kindern, denn beim Landeanflug warfen viele von ihnen Schokolade, Kaugummi und andere Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen für sie ab. Was zunächst die Idee eines einzelnen Piloten war, entwickelte sich schnell zur „Candy Bomber“-Aktion. Insgesamt 22 Tonnen gespendete Süßigkeiten ließen die Piloten während der Dauer der Berliner Luftbrücke über den erwartungsvoll wartenden Kindern herabschweben. Und manch einer der kleinen Empfängerinnen und Empfänger kam so zum ersten Mal in den Genuss eines echten amerikanischen „Spearmint Gums“. Die ganz Kleinen hatten beim Haschen nach dem begehrten Naschwerk manchmal allerdings das Nachsehen – so etwa Ulrich Kirschbaum: „Alle wollten die Schokoladen-Streifen und ich war zu klein und zu schüchtern und habe keinen abbekommen“, bedauerte er noch Jahrzehnte später gegenüber „Der Spiegel“.

Die große Hilfs- und Spendenbereitschaft Amerikaner hatte mehrere Gründe. „Es wird zum einen vermutet, dass die in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten vom Ausmaß der Zerstörung in Deutschland so sehr schockiert waren, dass sie beschlossen den Menschen hier zu helfen und zum anderen, dass auch der damalige US-Präsident Harry S. Trumann mit seiner persönlichen Hilfsbereitschaft eine besondere Rolle gespielt hat. Trumann finanzierte damals mit seinen persönlichen Mitteln einige CARE-Pakete und leistete so eine wichtige Hilfe für die Menschen in Deutschland“, so der Generalsekretär von CARE Deutschland, Karl-Otto Zentel. Aber auch die Briten brachten Opfer. So gab es in Großbritannien während der Berlin-Blockade erneut Getreide-Rationierungen, da für das Land bestimmte Hilfslieferungen nach Berlin weitergeleitet wurden.  

Am 12. Mai 1949 gab die Sowjetunion schließlich nach. Die Berlin-Blockade wurde nach elf Monaten eingestellt. Die Anzahl der Flüge der Luftbrücke wurden peu à peu verringert. Am 30. September 1949 landete die letzte Versorgungsmaschine der US-Luftwaffe in Tempelhof. 31 US-Amerikaner, 41 Briten und 13 Deutsche verloren im Einsatz für die Berliner Freiheit ihr Leben. Ihre Namen sind auf einem Denkmal vor dem Flughafen Tempelhof verewigt. Wegen seiner drei Streben, die an die Luftkorridore erinnern sollen, tauften die Berlinerinnen und Berliner das 1951 errichtete Luftbrückendenkmal liebevoll „Hungerharke“.

Das Monument erinnert zugleich daran, dass die Luftbrücke eine neue, starke Verbindung zwischen den West-Alliierten und der Berliner Bevölkerung schuf. Ebenso wie die CARE-Pakte, die es immer noch gibt. Doch während die braunen Kartons damals ein Zeichen für humanitäre Hilfe von Mensch zu Mensch waren, sind die Hilfsleistungen der Spendenorganisation heute viel umfassender geworden. „CARE setzt sich weltweit mit überwiegend einheimischen Kräften für die Überwindung von Not, Armut und Ausgrenzung ein und beteiligt insbesondere Frauen und Mädchen“, so Karl-Otto Zentel und fügt hinzu: „Dennoch steht das CARE-Paket immer noch für ein Symbol weltweiter, solidarischer Hilfe für Menschen in Not, unabhängig von ihrer politischen und konfessionellen Einstellung.“

Dass das CARE-Paket seit der Berliner Luftbrücke auch für Freiheit steht, daran erinnert aktuell ein Buchstabe in der Installation #FreiheitBerlin auf dem Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof: Er trägt den Aufdruck der Hilfs-Pakete, die unzähligen Berlinerinnen und Berliner in der Nachkriegszeit Nahrung und Freude brachten.  


Freiheit ist für mich die Möglichkeit, über sein Leben selbst zu bestimmen und seine Meinung frei äußern zu können.
Karl-Otto Zentel, Generalsekretär CARE Deutschland

Fotos

Historische Fotos: CARE-Deutschland, www.care.de
Flughafen Tempelhof: Tempelhof Projekt GmbH, www.thf-berlin.de
Sondermarke: Solodov Aleksei /Shutterstock.com
Plakatmotive: be.berlin

 

 

Mit diesen beiden Plakatmotive erinnern wir ab dem 25. Juni 2018 im U-Bahnhof Platz der Luftbrücke an den Beginn der Berliner Luftbrücke vor 70 Jahren.