Berliner Schnauze im Zettel-Format

„Hilfe! Mon Dieu! Ohje! Rosa Top verloren“, „Welcher Idiot ermordet über Ostern einfach einen hilflosen Gartenzwerg?“ oder „Muss man seine Mitmenschen nachts um 4 Uhr mit grottenschlechtem Karaoke-‚Gesang’ tyrannisieren?“ Kleine Themen, die Berlin bewegen. In den „Notes of Berlin“ werden kuriose, meist kreative und häufig recht lustige Zettel-Botschaften aus den Berliner Kiezen verewigt. Wahlberliner und Autor Joab Nost rief den Blog 2010 ins Leben. Inzwischen erreichen ihn täglich bis zu 20 Vorschläge. Auf dem Fest zum Tag der Deutschen Einheit 2018 liest Joab Nist im Berlin-Zelt eine Auswahl der besten „Notes“ vor. Das Motto seiner Lesungen: „Das wahre Berlin in 20 Minuten“.    

Herr Nist,seit 8 Jahren existiert Ihre „kuriose Zettelwirtschaft“ bereits im Netz. Wie wählen Sie aus, was reinkommt?

Das Bauchgefühl muss stimmen! Die Einsendungen müssen mich ansprechen. Vor allem sollten sie nicht gefaked sein. Entscheidend für den Blog ist: Könnte der Zettel auch in Erlangen, München oder Düsseldorf hängen oder spiegelt er in Vielfalt und Humor unsere Stadt wieder – ist er „typisch Berlin“?

 

Typisch Berlin – was ist das eigentlich?

Berlin ist laut, sehr direkt und politisch. Man hat immer eine Meinung, ist kreativ, auch einsam und immer auf der Suche. Die „Notes“ bilden ab, was die Menschen in der Stadt beschäftigt und wie sie ticken. Sie sind oftmals Kiezkommunikation.

 

Berlin steht inzwischen für 28 Jahre Deutsche Einheit. Lassen sich in den Notes noch Ost und West ablesen?

Nein. Aber man kann bestimmte Kieze herauslesen. Die meisten Einsendungen kommen aus Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Friedrichshain z. B. ist politisch, emotional aufgewühlt. Themen wie Verdrängung spielen eine große Rolle. Kreuzberg und Neukölln sind internationaler – von dort kommen die meisten englischen, französischen oder spanischsprachigen Beiträge. Etwas weniger Einsendungen erhalte ich aus gesetzteren Kiezen wie Schöneberg, Charlottenburg, Wilmersdorf oder Reinickendorf.  Hier geht es vor allem um Themen wie Nachbarschaft, Diebstahl, Einbrüche etc.  

Welche Themen beschäftigen die Berlinerinnen und Berliner generell?

Eine Hauptkategorie ist „Lost & Found“ – das geht von der dreibeinigen Katze bis zu „Drogen gefunden“. Häufig sind auch Themen wie Beispiel Fahrraddiebstahl, Liebe, Ruhestörungen, auf der Straße abgestellter Müll und politische Botschaften. Wohnungsgesuche haben in letzter Zeit zugenommen. Die Leute müssen kreativer werden, um in Berlin eine Wohnung zu finden.  

 

Welche Rolle spielen Zettel in Zeiten von WhatsApp und Twitter?

Mit Zetteln kann ich Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft gezielt erreichen. Ich kann direkt dort kommunizieren, wo sich etwas zugetragen hat. Ich habe also einen viel geringeren Streuverlust als im Internet. Zettel sind außerdem authentisch, sie wirken nicht „gewollt“. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum sie sich über „Notes of Berlin“ so gut verbreiten.

 

Ihr bisher liebster Zettel?

Das ist schwer zu sagen. Einen eindeutigen Lieblingszettel habe ich nicht. Aber einer meiner Favoriten ist ein Suchaufruf. „Hallo Rawaj, melde dich, du wirst Vater.“ Diese Note ist zugleich typisch Berlin: Der Name des Gesuchten ist international. Und die Frau hat weder die Kontaktdaten des Kindsvaters noch hinterlässt sie welche. Hier spricht die Anonymität der Großstadt – aber auch eine gewisse Situationskomik klingt durch.

 

Notes und #FreiheitBerlin: Wie passt das zusammen?

Sehr gut! Die Notes bieten den Menschen Gestaltungsfreiheit. Man kann jedem Zettel eine ganz persönliche Note verleihen. Und man kann ihn dort aufhängen, wo man will. An Laternenpfählen, Stromkästen, Haustüren oder Bäumen. In Berlin wird das akzeptiert, auch wenn es streng genommen eine Ordnungswidrigkeit darstellt. In den meisten Städten ist das anders. An den Themen des Blogs kann man außerdem ablesen: Berlin lässt vielfältigere Lebensentwürfe zu als andere Städte. Berlin bietet jedem die Freiheit, sich mitzuteilen. Man muss in Berlin kein Blatt vor den Mund nehmen.

 

Was würden Sie gern mal auf einen Zettel schreiben?

Mir ist es wichtig, dass Berlin so bunt und vielfältig bleibt, wie es heute ist. Veränderung ist gut und notwendig, aber der Charakter der Stadt muss erhalten bleiben. 

Kuriose Botschaften aus Berlin unter http://www.notesofberlin.com

Joab Nist, Autor, Blogger, Gründer von „Notes of Berlin“

Berlin bietet jedem die Freiheit, sich mitzuteilen. Man muss in Berlin kein Blatt vor den Mund nehmen.