Bahn frei für Biker-Claus

Wer braust denn da auf der Harley heran? Ganz klar, der Weihnachtsmann! Bart und Mantel wehen im Wind und die Maschine ist festlich geschmückt: mit Sternen und Girlanden. Auf der 21. Berlin Christmas Biketour rollen am 15. Dezember Hunderte von Engeln, Rentieren, Grinchen und rot-rockigen Gesellen viereinhalb Stunden lang durch die Stadt. Die ungewöhnliche Berliner Weihnachts-Demo macht nicht nur den Zuschauern Spaß. Denn die crazy Santas fahren für einen guten Zweck. Mehr erzählt uns Bernd Masche von Santa Claus on Road e.V.

Herr Santa Claus, auf der Berlin Christmas Biketour sieht man am 3. Advents-Samstag viele verrückte Weihnachtsmänner, Rentiere und Engel auf Motorrädern. Gibt’s das nur in Berlin?
Soweit ich weiß, ja. Natürlich gibt es auch woanders immer wieder Santas, die sich aufs Bike schwingen. Vor allem in den USA sieht man sie öfter. Aber die machen das just for fun. Wir rollen für einen guten Zweck.   

Und das heißt?
Wir sammeln Spenden für soziale Einrichtungen. Im letzten Jahresdrittel wählen wir jeweils zwei Institutionen aus. Diese dürfen einen Wunschzettel schrieben, den wir ins Netz stellen. Wir haben zwei Monate Zeit, die Listen abzuarbeiten. Dafür sammeln wir als mildtätiger Verein Sach- und Geldspenden. Auf der Berlin Christmas Bike Tour fahren wir schließlich zu den Einrichtungen und übergeben die Spenden. Auch die Einnahmen aus unserem kleinen Weihnachtsmarkt am Start und der Abschlussparty fließen in den Spendentopf. In diesem Jahr unterstützen wir das House of Life e.V., eine Pflegeeinrichtung für schwerkranke junge Menschen in Kreuzberg und den Kinderbauernhof am Mauerplatz e.V.  

Was bracht Sie auf die Idee, in voller Santa-Montur durch die Stadt zu brausen?
Die Idee entstand 1997. Ich hatte damals ein Geschäft am Steglitzer Damm und war mit einem Freund zum Weihnachtsessen eingeladen. Als Gag schnappten wir uns spontan Masken und Deko aus dem Schaufenster und fuhren als Weihnachtsmänner verkleidet dorthin. An einer Ampel hielt neben uns ein Wagen. Die Kinder auf dem Rücksitz kriegten sich vor Lachen nicht mehr ein. Auch bei unserem Gastgeber kamen unsere Outfits überraschend gut an. So entstand die Idee, das Ganze etwas professioneller aufzuziehen.   

Stand der gute Zweck von Anfang an im Vordergrund der Aktion?
Ja. Natürlich macht es uns auch viel Spaß, verkleidet durch die Stadt zu fahren. 2017 waren wir rund 320 Bikerinnen und Biker! Aber es gibt in der Stadt sehr viele Menschen, denen es nicht so gut geht, wie uns. Daher beschloss ich damals bereits, etwas zu tun. Es fing damit an, dass ich Inhaber der umliegenden Geschäfte angesprochen habe. Sie spendeten kleine Beutel, die wir dann an Kinder und Bedürftige verteilten. Zunächst fuhren wir einfach so durch die Straßen und dachten uns: „Den Weihnachtsmann fährt schon keiner um.“ Doch dann wurden wir immer mehr. Seit 2000 ist unsere Tour offiziell als Demo angemeldet. Die Genehmigung dafür zu bekommen, war gar nicht so einfach, denn wir fahren ja maskiert.   

Wenn ich im Sommer mit meiner Harley unbeschwert durch das Land rolle, fühle ich mich unglaublich frei. Freiheit bedeutet für mich aber auch, offen zu reden und auf Missstände aufmerksam machen zu können. Diese Freiheit wurde von anderen hart erkämpft. Sie muss uns unbedingt erhalten bleiben.
Bernd Masche, Santa Claus on Road e.V.

Kann eigentlich jeder bei der Berlin Christmas Bike Tour mitfahren?
Jeder kann mitrollen. Aber das Fahrzeug muss auch geschmückt der Straßenverkehrsordnung entsprechen. Ansonsten gilt: Alles ist alles erlaubt. Je verrückter, desto besser!

Welches waren die bisher verrücktesten Kostümierungen?
Die Leute legen sich immer total ins Zeug, denn wir prämieren in jedem Jahr das schönste Bike. Den Preis will natürlich jeder haben. Ich erinnere mich an einen Christmas-Biker, der eine komplette Spielzeugeisenbahn um seine Maschine herum gebaut hatte – samt Bergen, Kirche und Schneelandschaft. Die Bahn fuhr auch während der Tour um das Bike herum. Eine Frau wiederum war als Weihnachtsbaum verkleidet. Sie hatte sich von Kopf bis Fuß grün eingehäkelt.

Wie reagieren die Zuschauer auf die crazy Santas mit ihren glitzernden Bikes?

Die Berliner sind ja manchmal etwas hemdsärmelig. Ich bin selbst Berliner, insofern kann ich das sagen. Aber wenn wir auf unseren Motorrädern durch die Stadt rollen, sehen wir überall lachende Gesichter. Sobald wir an unseren offiziellen Haltepunkten wie dem Schloss Charlottenburg aufschlagen, möchten vor allem Touristen gern Fotos mit uns machen. Mich persönlich berühren die Reaktionen der Menschen in den sozialen Einrichtungen immer sehr. Wenn etwa Obdachlose zaghaft Weihnachtsmänner oder Engel auf dem Motorrad anfassen oder einen gespendeten Teddybären an sich drücken. Das geht ans Herz. Man spürt, dass man auch mit geringen Mitteln etwas bewegen kann.

Welche Botschaft hat Santa Claus on Road e.V.?

Wir wollen Aufmerksamkeit für Bedürftige in Berlin schaffen und hoffen auf Nachahmer. Wir können ja nicht mehr tun, als einen Anstoß dazu zu geben, Gutes zu tun. Jeder kann etwas bewegen. Auch in der Nachbarschaft gibt es Menschen, die einsam sind und die man mal zum Essen einladen kann. Schon kleine Dinge verbessern das Leben. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Das ist unsere Message.

 

Die 21. Berlin Christmas Biketour startet um 15 Uhr. Treffpunkt ist ab 10 Uhr am Steglitzer Damm 23, 12169 Berlin. Mehr unter berlin-christmas-biketour.de

 

 

Fotos: © Santa on Road e.V.