#FREIHEITBERLIN: Vom Wandbild zur Urban Art

Mit einem Baum fing es an: Urban Art ist seit den 1970ern Teil der Berliner Stadtgeschichte. Auf dem ersten Berlin Mural Fest feierte die internationale Szene zu Pfingsten mit überdimensionalen Wandwerken das Freiheitsgefühl der Hauptstadt.

 

 

 

Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen, heißt es. Künstler der Berliner Urban-Art-Szene haben es trotzdem gewagt und den „Weltbaum“ des Aktionskünstlers Ben Wagin im Mai an einer Wandfläche gegenüber der Kulturfabrik Moabit in der Lehrter Straße neu erstehen lassen. Das riesige Bild, das seit 1975 eine Brandwand des Siegmunds Hof am S-Bahnhof Tiergarten ziert, zeigt einen kahlen Baum. Er schreit seinen Schmerz in die Abgase hinein, die ihm ein riesiger Auspuff entgegenbläst. Ein künstlerisches Mahnmal gegen die Umweltverschmutzung.


Der „Weltbaum“ gilt als das älteste Wandbild Berlins – und ist somit auch ein Teil des kulturellen Erbes der Stadt. Trotzdem ereilte ihn nach mehr als vier Jahrzehnten das Schicksal vieler Murals, wie die temporären Fassadenkunstwerke im Urban-Art-Jargon heißen: Er verschwindet. Hinter einem Büro-Neubau, der auf dem Nachbargrundstück entsteht. Die Enthüllung des neuen Weltbaums, am 5. Mai in Berlin-Moabit, knapp drei Kilometer von seiner alten Heimstatt entfernt, setzte gleich zweifach ein Zeichen für die Berliner Urban-Art-Szene. Sie läutete nämlich über Verpflanz-Aktion hinaus das erste Berlin Mural Fest ein. Mehrere Tage lang belebten rund 100 Street-Artists, Sprüher und Illustratoren aus aller Welt überall in der Stadt Wände und Hausmauern mit bunten Gemälden. Die Öffentlichkeit kann die fertigen Kunstwerke nun bestaunen. „Berlin ist derzeit die Nummer eins im Bereich Urban Street Art. Dem wollten wir mit dem Festival ein Gesicht geben“, so Kimo von Rekowski vom Berliner Kollektiv „Die Dixons“.

„Berlin bietet jedem die Chance, sich auszuleben. Es gibt hier immer noch große Flächen. Das tun zu können, was wir lieben – das bedeutet für mich Freiheit“
Kimo von Rekowski, „Die Dixons“

Eine riesige Open-Air-Galerie

Die Idee, Berlin zu einer riesigen Open-Air-Galerie zu machen und damit zu zeigen, was derzeit in der  Berliner und internationalen Urban-Art-Szene so abgeht, kam von Rekowski und seinen Kumpels Jörn Reiners und Marco Bollenbach bereits vor Jahren. Konkret wurde der Gedanke jedoch erst nach dem großen Erfolg der temporären Kunstausstellung „The Haus“, mit der das Trio 2017 ein leerstehendes Bankgebäude in der City West temporär zu neuem Leben erweckte. Erfolg macht halt Mut. „Wir zogen das Konzept und setzten es innerhalb weniger Monate um“, so von Rekowski. Die drei finanzierten das Projekt über die Überschüsse, die ihr Verein Berlin Art Bang e. V. mit „The Haus“ erwirtschaftet hatte. Hinzu kamen Senatsgelder.

Das Honorar, das die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler für ihren Einsatz erhielten, war schmal. Es ging vor allem darum, ihnen Respekt für ihre Arbeit zu zollen. Denn beim Berlin Mural Fest zählte eigentlich nur eine Währung: Leidenschaft. Bekannte Namen der Szene machten mit. Darunter El Bocho, der 2009 die Fassade des Stattbads Wedding mit dem weltweit größten Tape-Art-Bild beklebte oder das Tape-Art-Kollektiv „Klebebande“ aus Kreuzberg, deren organische und geometrische Formen komplette Häuserfassaden überziehen. Andere, wie der griechische Street-Art-Artist „Insane51“, arbeiten mit fotorealistischen 3-D-Effekten, die nur bei spezieller Beleuchtung vollständig sichtbar werden. Die Graffti des Kollektivs „One Truth“ wiederum sind seit Jahren ein prägender Bestandteil der Schweizer urbanen Kunstszene. Am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg befindet sich ein Pferdekopf-Mural der beiden Brüder direkt neben dem Wandbild „Nature Morte“ des Belgiers Roa aus dem Jahr 2011. Fest steht: Kein Mural gleicht dem anderen. „Es gibt kein Rezept, keine Vorgaben. Jeder Künstler hat seinen eigenen Stil. Insofern war auch das Berlin Mural Festival sehr breit angelegt“, so Kimo von Rekowski und ergänzt: „Wir wollen mit den Murals nicht provozieren oder schockieren, sondern vor allem inspirieren.“


Street-Art gehört in Berlin zur Stadtgeschichte

Die ersten Wandbilder entstanden in Berlin in den 1970ern – damals teilweise noch finanziert von der öffentlichen Hand als „Kunst am Bau“. Auch in Ost-Berlin gab es Wettbewerbe für Wandmalerei. Die im West-Berlin in den 1970ern und in der Hausbesetzerzeit der 1980er geschaffenen Werke, hatten häufig eine politische Aussage – wie der „Weltbaum“ von Ben Wagin oder das inzwischen nicht mehr erhaltene Mural „Modell Deutschland“ von Marilyn Green, Rainer Warzecha und Christoph Böhm, das 1981 in der Anhalter Straße entstand. Auch Illusionsmalerei war beliebt. Ein Beispiel ist das heute noch existierende Giebelbild „Reißverschluss“ des Künstlers Gert Neuhaus in der Charlottenburger Zillestraße. Illegale Untergrundkunst existierte so einvernehmlich neben Auftragsarbeiten, die meist von Wohnungsbaugesellschaften vergeben wurden. Manchmal überlagerten sich die Werke auch, häufig verschwanden sie wieder. Das ist auch heute noch so.

2005 gab das Kreuzberger Magazin Backjumps der Berliner Street-Art eine neue Plattform und integrierte internationale Kunst in den lokalen Kontext. Künstler wie Banksy, Swoon, Blu, Os Gêmeos, Roa und Obey wurden zu Ikonen der Szene. Manche Murals, wie der „Astronaut/Cosmonaut“ von Victor Ash in der Kreuzberger Oranienstraße, sind inzwischen beliebte Fotomotive für Touristen.

Ob einige der Murals , die im Rahmen des Festivals entstanden, ebenso bekannt werden, bleibt abzuwarten. Aber das ist den Machern und Teilnehmern weitgehend egal. Denn im Vordergrund des Events stand die Begeisterung für die Sache und der Spaß. „Berlin bietet jedem die Chance, sich auszuleben. Es gibt hier immer noch große Flächen. Das tun zu können, was wir lieben – das bedeutet für mich Freiheit“, sagt Kimo von Rekowski: „Berlin ist unsere Stadt und wir unterstützen alle, die sich für Freiheit, Kunst und den fairen Umgang miteinander einsetzen.“

Ein kreatives Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz

Angekoppelt an das Berlin Mural Fest war die be Berlin-Aktion #FREIHEITBERLIN: Im Rahmen des Wettbewerbs konnten Berlinerinnen und Berliner ebenso wie Kreative aus der ganzen Welt ihre Designvorschläge für die Gestaltung einzelner Betonbuchstaben des Schriftzug einreichen, der während des Festivals als bunte Installation auf dem Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof errichtet wurde. Mit der Aktion setzten die Hauptstadt und die internationale Street-Art-Szene gemeinsam ein kreatives Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz.

Wo genau die Festival-Murals zu finden sind, das verrät neben der Website die Berlin Mural Fest-App, die seit dem Event zum Download bereit steht. Die Highlights des Berlin Mural Fests kann so jeder selbst für sich entdecken.

Wen es dabei zum S-Bahnhof Greifswalder Straße verschlagen sollte, der kann dort an der Brandwand eines Hochhauses ebenfalls einen Baum entdecken: Auf einem Mural des Street-Art-Duos Herakut wachsen Zweige aus den Haaren von zwei Kindern heraus. Das Kleid der Mutter ziert in mehren Sprache ein Luther-Zitat: „Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen untergeht, würde ich heute einen Baum pflanzen.“ Ein starke Aussage, die mit dem Wandbild hoffentlich noch lange überdauern wird ...

 

Fotos (von oben, li. n. re.)

1-4: Berlin Mural Fest, 5-7: Die Dixons,  8: Daniela Uhlig©The Haus, 9: insane51©The Haus, 10: AKte one u. Cren ©The Haus, 11: Klebebande©The Haus, 12: El Bocho©The Haus

 

 

 

 

 

 

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