#FreiheitBerlin: Brain City im Geiste Humboldts

Berlin gilt heute international als weltoffener, zukunftsorientierter Forschungsstandort, dessen wichtigste Ressourcen Forschung und Innovation sind. Doch gesellschaftlich bedeutet die Freiheit der Wissenschaft weitaus mehr: Sie prägt unser Leben.

 

Gedankenverloren schweift der Blick Wilhelm von Humboldts in die Ferne. Imposant thront der berühmte Gelehrte vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin auf einem Sockel – und das bereits seit 1883. Sein ebenso bekannter Bruder Alexander, nach dem die Hochschule benannt wurde, sitzt nur wenige Meter neben ihm. In Stein gemeißelt symbolisieren die beiden Wissenschaftler, wofür der Hochschul- und Forschungsstandort Berlin damals wie heute steht: für eine international vernetzte Wissenschaft, für Interdisziplinarität, wissenschaftliche Exzellenz, gesellschaftliches Engagement –  und für die Freiheit der Wissenschaft nach dem humboldtschen Bildungsideal, das die Selbstbestimmung des Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte Berlin allerdings, dass dieses freiheitliche Ideal gebrochen wurde. Mit der Machtübernahme setzten die Nationalsozialisten der unabhängigen Forschung in Berlin ein Ende. Wissenschaftler wurden verfolgt, vertrieben und ermordet, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gleichgeschaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen viele emigrierte Forscher dabei, im Westteil der Stadt wieder freie Wissenschaft aufzubauen. In Ostberlin hingegen wurde die Freiheit von Forschung und Lehre durch das DDR-Regime weiterhin gesteuert und geknebelt. Das änderte sich erst mit dem Fall der Berliner Mauer.

Freiheit bedeutet für mich, gemeinsam mit anderen solidarische Formen der Kooperation und der wechselseitigen Verantwortung füreinander zu suchen.
Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin

Heute gilt Berlin als „Brain City“, als spannender Wissenschaftsstandort, der Tradition mit der Zukunft vereint. Außergewöhnlich offen ist die Forschungsatmosphäre der Hauptstadt, die vor allem durch zwei Faktoren geprägt wird: die hohe Dichte an Forschungseinrichtungen sowie die große Vielfalt an Partnern, Netzwerken und Kooperationsmöglichkeiten in der Stadt. Rund 250.000 Menschen aus aller Welt studieren, lehren und forschen in Berlin aktuell an insgesamt elf staatlichen, zwei konfessionellen und rund 30 privaten Hochschulen. Hinzu kommen mehr als 70 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und zahlreiche Bundeseinrichtungen, privatwirtschaftliche Forschungsinstitute sowie Campi internationaler Hochschulen. Und in den zehn Berliner Zukunftsorten, darunter der Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof, forschen und entwickeln Wirtschaft und Wissenschaft eng verzahnt.

Hochkarätig ist in der Hauptstadt nicht nur die Forschung, sondern auch die Lehre: Die Freie Universität Berlin und die Humboldt-Universität zu Berlin gehören zu den elf deutschen Exzellenzuniversitäten. Zusammen mit der Technischen Universität Berlin zählen sie außerdem zu den 100 besten Forschungsuniversitäten der Welt. Für internationale Spitzenforschung steht auch die Charité-Universitätsmedizin Berlin, eine der größten Universitätskliniken Europas.

„Berlin hat eine inhaltlich und institutionell unglaublich vielseiltige und dicht vernetzte Wissenschaftskultur, die für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit attraktiv ist. Die damit verbundene Möglichkeit, einer Vielfalt von heterogenen Perspektiven zu begegnen, macht die wissenschaftliche Freiheit der Stadt aus“, bestätigt Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin. Sie ergänzt allerdings: „Berlin könnte noch viel mehr dafür tun, eine ,City of Sanctuary’ für bedrohte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu werden.“ Denn weltweit und auch hierzulande wird immer deutlicher: die Freiheit der Wissenschaft ist nicht selbstverständlich.

Erste Schritte sind bereits getan: Um Forscherinnen und Forschern zu helfen, die in ihren Heimatländern bedroht sind, hat Berlin Anfang 2018 ein Programm zur Förderung der Wissenschaftsfreiheit an der Einstein Stiftung Berlin ins Leben gerufen. Vom Senat finanziell unterstützt werden außerdem Sprachkurse für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Ländern. Und auch die Berliner  Hochschulen sind aktiv: So fand etwa Ende April erstmals in Deutschland ein Kongress des internationalen Netzwerks „Scholars at Risk“ an der FU Berlin statt, an dem mehr als 500 Forschende und Lehrende aus über 60 Nationen teilnahmen. Viele von ihnen mussten bereits ihre Heimat verlassen, weil sie ihr Recht auf freies akademisches Arbeiten ausgeübt hatten.

„In Ländern wie der Türkei, aber mittlerweile auch in Ländern der Europäischen Union wie Ungarn sehen wir sehr konkret, welche Gefahren der Angriff auf die akademische Freiheit nicht nur für Leib und Leben von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern birgt, sondern auch für die Möglichkeiten, frei wissenschaftlich zu forschen und zu lehren“, so Sabine Hark. Auch ihr Fachgebiet, die Geschlechterforschung, ist seit Langem massiven Angriffen ausgesetzt –  bis hin zu konkreten Anfeindungen und Gewaltandrohungen gegenüber Kolleginnen und Kollegen. „Das übersetzt sich bislang noch nicht in konkret spürbare Einschränkungen innerhalb des wissenschaftlichen Feldes. Aber je mehr ein solches Klima der Bedrohung und Angst geschaffen wird, trägt das natürlich dazu bei, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich überlegen, ob sie zu solchen Themen arbeiten können oder wollen“, befürchtet die Soziologin.

Um auf solche Einschränkungen der wissenschaftlichen Freiheit aufmerksam zu machen, gingen im Berlin bereits 2017 mehr als 11.000 Menschen auf die Straße, darunter neben renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Mit einem „March for Science“ demonstrierten sie zwischen dem Hauptgebäude der Humboldt- Universität und dem Brandenburger Tor gegen die Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Verbreitung „alternativer Fakten“. 2018 verlagerte sich die Aktion in die Berliner Kieze. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprachen als „Kieznerds“ in Kneipen und Cafés mit den Gästen und erzählten von ihrer Arbeit. Der Ansatz: Transparenz und damit Verständnis zu schaffen für die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit für die Gesellschaft. „Wissenschaft produziert ja nicht einfach Erkenntnisse, sondern auch gesellschaftlich mächtiges Wissen, das Eingang findet beispielsweise in politische Entscheidungsprozesse. Sie prägt ganz konkret unser aller Leben“, erläutert Sabine Hark.

Mit Science Slams, offenen Hörsälen und Veranstaltungen wie der Berlin Science Week versuchen die wissenschaftlichen Akteure der Stadt, bei den Berlinerinnen und Berlinern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was freie Forschung bedeutet und hervorbringt. Am 9. Juni 2018 öffneten bei der Langen Nacht der Wissenschaften auch in diesem Jahr wieder mehr als 70 wissenschaftliche Einrichtungen in Berlin und Potsdam ihre Türen. 28.000 Besucherinnen und Besucher informierten sich in Workshops, Mitmachaktionen, Experimenten und Vorträgen über Themen wie Wasserrecyling, Robotertechnik oder die Welt der menschlichen Stammzellen und reisten zum Beispiel virtuell zum Planeten Mars. Vor allem aber konnten sie Fragen stellen – ganz im Sinne der Wissenschaft. „Eine wissenschaftliche Haltung zur Welt einzunehmen bedeutet, dass wir die Dinge nicht für bare Münze nehmen, dass wir hinterfragen, wie etwas geworden ist, dass wir nicht vorschnell abschließende Urteile bilden, dass wir in Betracht ziehen, dass es auch ganz anders sein könnte“, erläutert Sabine Hark.

Wilhelm von Humboldt hätte dieser Satz gefallen, denn nach seinem freiheitlichen Verständnis war die Universität vor allem eins: ein Ort, der mündige Weltenbürger hervorbringt. Freidenkende Individuen wie die 187.000 jungen Talente, die derzeit in Berlin studieren.

Fotos:

Oben: ©Humboldt-Universität/Heike Zappe
Mitte oben links: ©Beuth Hochschule
Mitte oben, rechts: ©Berlin Partner/Wüstenhagen
Mitte unten, links: ©Berlin Partner
Mitte unten, rechts: ©Berlin Partner/Wüstenhagen
Unten: ©FU Berlin/David Ausserhofer

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