Künstliche Intelligenz: auf dem Weg zum Deep Learning


Typischer kann eine Berlin-Geschichte nicht sein: Eine kleine Gruppe von Leuten trifft sich in Mitte in der bekannten Hacker-Location c-base, um über Künstliche Intelligenz zu diskutieren. Die Idee entwickelt sich weiter – erwächst zur weltweit wichtigsten Konferenz für Künstliche Intelligenz. 40 KI-Experten haben sich für die inzwischen 4. Rise of AI angekündigt, die am 17. Mai 2018 in der Telekom Hauptstadtrepräsentanz in der Französischen Straße statt finden wird. Rund 500 Teilnehmer werden erwartet. Fabian J. G. Westerheide, CEO von Asgard Capital und Initiator von Rise of AI, über aktuelle Trends im Markt der Künstlichen Intelligenz und über den KI-Standort Berlin.

 

 

 

 

„Berlin ist eine visionäre Stadt. Ich fühle mich hier sehr frei. Berlin hat kulturelle Offenheit, historisches Flair und – das ist ganz wichtig – keine verkrusteten Strukturen.“
Fabian J. G. Westerheide, CEO Asgard Capital/Initiator Rise of AI

Herr Westerheide, „Lernen – Verstehen – Adaptieren“ lautet das Motto der diesjährigen Rise of AI-Konferenz. Was meinen Sie damit?
 

Künstliche Intelligenz ist bereits Teil unseres Lebens, wir sind uns dessen nur nicht immer bewusst. Es ist daher äußerst wichtig für uns, den aktuellen Status von Künstlicher Intelligenz zu verstehen, unsere Vision zu teilen und die Auswirkungen von KI auf unser menschliches Leben, Unternehmen, die Gesellschaft und die Politik zu diskutieren.

Warum entsteht gerade jetzt so ein Hype um das Thema KI?
Das Thema hat in den letzten Jahren eine Renaissance durchlebt. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen ist die Prozessorleistung gestiegen. Computer sind heute gut genug, um höchst komplexe Aufgaben zu bearbeiten. Die Gesichtserkennung beim iPhone etwa läuft über einen winzigen Chip. Außerdem entstehen über die vielen Endgeräte, die wir heute in der Kommunikation nutzen, große Mengen an Daten, so genannte Big Data. Die gestiegene Rechenleistung und die Datenpools zusammen bilden die Basis der heutigen Künstlichen Intelligenz. Software kann heute schon Schach spielen, Geld wechseln, Autos oder Boote navigieren. Man nennt das „enge“ oder auch „schwache KI“. Aber der Bereich entwickelt sich rasant weiter.

Und welches ist die nächste Stufe?
Der nächste Sprung ist das so genannte Deep Learning: Maschinen können sich selbst optimieren. Chatbots wie Siri oder Amazons Alexa sind bereits Beispiele dafür. Mit dieser starken KI lassen sich motivierte Maschinen bauen, die aus Fehlern lernen können. Einen Meilenstein in der Entwicklung des Deep Learning markiert das Jahr 2012: Damals fütterten Forscher des Google X-Labs im kalifornischen Mountain View Fotos aus Youtube eine Woche lang in das „Google Brain“, ein Netzwerk, das aus etwa 16.000 Prozessoren zusammengeschaltet war. Das System durchsuchte die Daten nach Mustern und filterte schließlich drei Kategorien heraus: Fotos von menschlichen Körpern, von menschlichen Gesichtern und von Katzen. Das Experiment läutete ein neues Zeitalter in der Geschichte der Künstlichen Intelligenz ein, denn es bewies eine Annäherung der Maschine an das menschliche Denken. 2014 kaufte Google „Deep Mind“, ein britisches Start-up, das sich auf die Programmierung Künstlicher Intelligenz spezialisiert hatte. Beide Ereignisse waren Wendepunkte in der Geschichte der KI. Unternehmen wie Facebook, Amazon und Intel stiegen ein. Heute boomt der Markt. Laut einer Studie von McKinsey investierten Unternehmen 2016 weltweit rund 27 Milliarden Dollar in Künstliche Intelligenz, weitere 12 Milliarden flossen extern in KI, zum Beispiel durch Risikokapitalgeber – drei Mal mehr als noch 2013.   

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz birgt aber auch Risiken ...
Es gibt ethische, moralische und Sicheraspekte, die wir betrachten und diskutieren müssen. Lernende Systeme übernehmen die Kultur und Denkweisen ihrer Lehrmeister. Insofern ist es wichtig, dass wir eine europäische KI entwickeln. Vorreiter im Markt sind aktuell die USA, China, Russland und Israel. Deutschland hinkt mit einem Marktanteil von drei Prozent weit hinterher.

Was kann Deutschland konkret tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?
Wir brauchen mehr Lehrstühle für Cognitive Science, mehr Kapital, das in die Erforschung und Entwicklung von KI fließt und wir brauchen mehr Anwendungen. KI muss in die Prozesse von Unternehmen integriert werden. Künstliche Intelligenz wird heute vor allem im Bereich Kommunikation, also in den Bereichen Vertrieb und Marketing eingesetzt und zu wenig in der Industrie. Dabei kann KI Maschinen intelligenter machen und Prozesse digitalisieren. Ganz gleich, ob es dabei um die Produktion von Autos, Drohnen, LKWs oder Druckmaschinen geht.

Bei Unternehmen herrscht aber oft noch Angst vor Kontrollverlust ...
Sicher, Künstliche Intelligenz macht Fehler, aber Menschen ebenfalls. Wenn Maschinen Fehler machen, ist das in Ordnung, so lange sie dies nicht häufiger tun als der Mensch. Sie müssen schließlich lernen. Unfälle selbstfahrender Autos haben in letzter Zeit für viel Diskussionsstoff gesorgt. Dabei haben Untersuchungen gezeigt, dass bei Smart Cars das Unfallrisiko signifikant geringer ist als bei menschlich gesteuerten Fahrzeugen – runtergerechnet auf den Kilometer.

Wo wird Künstliche Intelligenz denn heute bereits erfolgreich eingesetzt?
Wenn große Datenmengen zur Verfügung stehen, ist die Künstliche Intelligenz dem Menschen bereits überlegen. Sie kann durch den Abgleich von Daten in kürzester Zeit Muster analysieren und Zusammenhänge erkennen. Im Gesundheitsbereich wird das bereits genutzt, beispielsweise bei der Früherkennung von Demenz oder Krebsdiagnosen. Im FinTech-Bereich helfen Computer in der Forge-Detection, also bei Aufspüren von Geldwäsche etc. Und die Prozesse bei Amazon laufen inzwischen komplett über KI. Die einzige menschliche Schnittstelle zu den Kunden sind die Boten. In Berlin sitzt das Unternehmen „Micropsi Industries“. Es hat eine Software entwickelt, die Robotern das Lernen beibringt. Sie imitieren die Bewegungen des Menschen, optimieren sie und arbeiten anschließend präziser als der Mensch. 

Ist Berlin als Digital Capital auch ein Standort für KI? 
Es gibt inzwischen eine Menge Gründe, warum Berlin für den KI-Bereich interessant ist. Dazu gehören der kurze Draht zur Politik, die vielen Konzerne, die dichte Forschungslandschaft, eine starke Gründerszene und die mediale Aufmerksamkeit. Berlin ist ein Ort, wo alles passiert. Deswegen sitzen hier auch mehr als die Hälfte aller KI-relevanten Firmen. Der Markt der Künstlichen Intelligenz spielt allerdings weltweit. In den USA zum Beispiel sind die Konzerne jünger und schneller. Berlin sollte sich daher nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Sie leben seit zehn Jahren in Berlin, warum?
Berlin ist eine visionäre Stadt. Ich fühle mich hier sehr frei. Berlin hat kulturelle Offenheit, historisches Flair und – das ist ganz wichtig – keine verkrusteten Strukturen. Ich mag diese Mischung aus „Uns ist das alles egal!“ und genug Rechtsstaatlichkeit. Hier hat jeder eine Chance, vom Praktikanten zum Millionär aufzusteigen – in Berlin ist alles möglich.

Fotos:

Titelbild: ©Shutterstock/Phonlamai Photo
Rise of AI-Konferenz: ©Saskia Baumeister

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