Gruppenfoto 5. Berlin-WG

5. Berlin-WG "Grenzen der Toleranz"

Die fünfte Berlin-WG fand am 21. Januar 2020 in Berlin-Prenzlauer Berg statt. 

Berlin ist die Stadt des Mauerfalls und der Wiedervereinigung – und gilt damit auf der ganzen Welt als Ort der Freiheit und mit seinen vielen Nationen in der Stadt auch als Ort der Vielfalt. Doch viele Berlinerinnen und Berliner selbst fühlen sich vom Leben in Berlin zunehmend überfordert. Die einen grenzen sich voneinander ab, die anderen fürchten sich vor Verdrängung. Kann sich Berlin vor diesem Hintergrund noch glaubhaft als Stadt der Toleranz präsentieren? Oder haben wir die Grenze der Toleranz in Berlin mittlerweile erreicht? Darüber diskutierten sieben Teilnehmer bei der Berlin-WG am 21. Januar in Prenzlauer Berg. 

Wer war dabei?

Unsere WG am 21. Januar war diesmal sehr sportlich und mit gleich sechs gebürtigen Berliner/innen besetzt:
 

  • Marco, 32, Eventmanager und Fotograf aus Reinickendorf-Süd, sagt
    „Wir müssen aufpassen, uns im Alltag nicht nur auf unsere Perspektive zurückzuziehen. Radfahrer gegen Autofahrer – das ist eine Form der Alltags-Intoleranz.“

  • Meike, 54, gebürtig aus Thüringen, lebt seit 33 Jahren in Berlin-Kaulsdorf, Mitarbeiterin bei der Rentenversicherung aus Kaulsdorf: 
    „Neulich las ich, dass ein älterer Herr eine Kita wegen des ‚Kinderlärms‘ verklagt hat. Der Mann ist durch alle Instanzen gegangen – und hat letztlich verloren. Für eine solche intolerante Haltung habe ich keine Toleranz.“

  • Henning, 37, Rechtsanwalt, Familienvater, Volleyball-Schiedsrichter und Vorsitzender der Füchse Berlin-Reinickendorf:
    „Meine Grenze für Toleranz ist dort erreicht, wo meine Kinder durch das Verhalten anderer gefährdet werden.“
     
  • Daniel, 42, Pressesprecher der Eisbären Berlin aus Pankow, meint: 
    „Sport ist eine gute Möglichkeit, Toleranz zu leben und zu üben.“
     
  • Nikolaus, 52, Sportlehrer in Willkommensklassen aus Pankow:
    „Sport verbindet und ist eine gute Möglichkeit für Zugezogene, neue Bekanntschaften zu schließen.“
     
  • Jana vom Fanprojekt der Eisbären für mehr Toleranz sagt:
    „Toleranz ist Vielfältigkeit; Zum Beispiel, wenn viele unterschiedliche Menschen in der Fankurve gemeinsam für die Eisbären fiebern.“
     
  • Serena, 19, Studentin und Leichtathletin für Kurzsprint aus Lichtenrade, sagt:
    „Toleranz spielt nicht nur im Sport eine Rolle, sondern in unserem täglichen Zusammenleben, zum Beispiel gegenüber Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder Sexualität.“ 
Serena und Joab

Was hat die Runde am WG-Tisch diskutiert?

Zu Beginn ging es zunächst um den Begriff „Toleranz“: Was bedeutet Toleranz heute? Wo ist sie im Alltag spürbar? Und sofort waren die sieben Teilnehmer unter Leitung von Moderator Joab Nist vom Blog „Notes of Berlin“ mittendrin in der Frage, ob die Grenzen der Toleranz bereits erreicht sind.

Für Meike ist das schon der Fall, wenn auf ihrem morgendlichen Arbeitsweg eine transsexuelle Frau mit 1,85m „von allen angestarrt wird, weil sie so groß ist und offensichtlich früher mal ein Mann war“. Mit Sorge beobachtet Meike, wie die Frau für ihre Andersartigkeit regelrecht „böse Blicke erntet. Ich selbst halte es mit dem Alten Fritz: ‚Jeder nach seiner Fasson.‘“ Das könnten sich ihrer Meinung nach ruhig mehr Menschen vornehmen.

Für Daniel von den Eisbären spielt Toleranz im Sport eine wichtige Rolle. Vor allem bei den großen Zuschauersportarten Fußball und Eishockey würden Schiedsrichter oft von Zuschauern für ihre Entscheidungen beschimpft. „Schiedsrichter sind oft willkommene Objekte der Abreaktion. Toleranz ist aber etwas, das man üben kann – und muss!“

Willkommens-Lehrer Nik sieht beim Thema Toleranz vor allem unsere errungenen Werte im Mittelpunkt. Für ihn ist das Flüchtlingsthema hierfür ein gutes Beispiel: die Willkommenskultur sei anfangs groß gewesen, dann folgte bei einigen Bürgern das Gefühl der Überfremdung. „Wir dürfen uns aber nicht zu schnell verschließen und nicht nur auf uns selbst besinnen. An einer offenen, toleranten Haltung müssen wir beständig arbeiten.“

Notes of Berlin

Hat sich die Toleranz somit in den vergangenen Jahren zum Negativen entwickelt?

Das kann man nicht verallgemeinern, ist sich die Runde einig.

In einigen Kiezen Berlins sei der Zusammenhalt stärker, berichtet Marco. Wo ein multi-kulturelles Zusammenleben durch Straßenfeste gepflegt werde, seien die Menschen auch toleranter. Sorge bereitet einigen in der Runde aber der Zuwachs am rechten Rand des gesellschaftlichen Spektrums. Hier stößt mancher am Tisch an seine Grenzen, wenn sich jemand im Freundes- oder Bekanntenkreis zu extrem rechten Positionen bekennt. „Die Meinungen von anderen müssen wir akzeptieren. Aber wir sollten nicht Intoleranz tolerieren“, bringt es Daniel auf den Punkt.

Beleidigungen von Sportlern wegen ihrer Hautfarbe oder sexistische Äußerungen von Chefs – da sei die Grenze der Toleranz weit überschritten, findet Marco. In solchen Fällen müssten alle empathisch gegenüber Diskriminierten zeigen und deeskalierend einwirken. „Vor zwanzig, dreißig Jahren war ein Outing noch förmlich ein No-go“, erinnert sich Jana. Vor allem in manchen Sportarten. „Das ist heute viel besser geworden.“

5. Berlin-WG: Interview Jana

Also ist es doch besser geworden in Berlin?

„Im Leichtathletik-Sport auf jeden Fall“, findet Serena. Die Sexualität, Hautfarbe oder Religion bei Sportler-KollegInnen würde keinen Unterschied machen.

Doch Berlin wächst, und das führt zu mehr Menschen auf gleichem Platz. Der Ton im Straßenverkehr ist rauer geworden. Hinzu kommen technologische Entwicklungen wie die neuen E-Roller, die so manchem viel Toleranz abverlangen, wenn feixende Touristen auf dem E-Roller knapp an einem vorbeisausen.

Am Ende der 90-minütigen Diskussion zieht die Runde Bilanz:

Unterm Strich sei Berlin in den vergangenen 30 Jahren deutlich offener geworden, findet Nik und sieht die Wurzeln hierfür in der Wiedervereinigung. Gerade deshalb stehe es jedem Berliner gut, sich für Vielseitigkeit und Toleranz einzusetzen. Es ist die Identität dieser Stadt. Leben und leben lassen.

„Doch egal sollten einem andere Menschen trotzdem nie sein“, befindet Jana, die sofort eingreifen würde, wenn Randgruppen in ihrer Anwesenheit angegriffen werden.

Erinnert wird an das berühmte Zitat von Karl Jaspers: „Gleichgültigkeit ist die mildeste Form von Intoleranz.“

Besonders der Sport eignet sich dafür, Toleranz als Wert zu leben; fair miteinander umzugehen, den Verlierer nicht mit Häme zu überschütten, befindet Daniel von den Eisbären und setzt mit seinem Zitat das wohl beste Schlusswort des Abends:

„Solidarisch miteinander umzugehen, bedeutet letztlich ein besseres Leben für alle.“

Notes of Berlin zur 5. Berlin-WG

Wir danken allen Teilnehmern für den regen und inspirierenden Austausch. 

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