Stylish, nachhaltig, erschwinglich 

Nachhaltige Mode ist heute längst nicht mehr trist oder hässlich. Das zeigen die hippen Kollektionen auf den Laufstegen der NEONYT Berlin, die vom 15. bis 17. Januar 2019 im Rahmen der Fashion Week Berlin stattfindet. Die Berliner Designerin Ina Budde geht noch weiter: Mit ihrem Unternehmen circular.fashion berät sie große Modelabels, die nachhaltiger produzieren möchten – und hat dafür auch ein Software-Tool entwickelt. Denn, so Budde: Die heutige Modeproduktion ist weder zeitgemäß noch wirtschaftlich.

Rund 30 Prozent der Kleidungsstücke in unserem Schrank bleiben heute unbenutzt dort hängen.
Ina Budde, Gründerin circular.fashion

Frau Budde, Sie haben ursprünglich Modedesign in Hamburg studiert. Heute arbeiten Sie vor allem als Beraterin in Sachen recyclingfähige Mode-Produktion. Warum?
Bereits während meines  daran anschließenden Master-Studiums der „Sustainability in Fashion“ an der ESMOD Berlin, habe ich mich mit nachhaltigen Lösungen für die Modebranche beschäftigt. In der Branche wird heute weltweit viel zu viel produziert. Manche Labels bringen inzwischen mehr als zwölf Kollektionen im Jahr heraus. Und von den rund 100 Milliarden Kleidungsstücken, die jährlich weltweit hergestellt werden, werden weniger als ein Prozent zu gleichem Wert recycelt. Fast zwei Drittel der produzierten Kleidung werden verbrannt oder landen im Abfall. Die Abfallströme wiederum werden nicht zurückgeholt. Das ist weder wirtschaftlich noch zeitgemäß. Unsere Ressourcen schwinden zusehends.

Was tun Sie gegen diese Materialverschwendung?
Mit unserer Circular Design-Software bieten wir Modemarken die Möglichkeit, Kleidung nachhaltig und effizient zu produzieren. Das Modell ist ein geschlossener Kreislauf. Dieser berücksichtigt die Materialentwicklung ebenso wie das Design und den Herstellungsprozess, die Nutzung durch die Kunden und die anschließende Rückführung der recycelten Materialien in das System.  Wir beraten Unternehmen nicht nur in Bezug auf die Materialauswahl, sondern geben mit unseren Circular Design Guidelines auch konkrete Anregungen für die nachhaltige Gestaltung von Produkten. Zentrales Element des Konzepts ist ein Smart-Label, das in jedes Kleidungsstück integriert wird und per QR-Code, URL und andere Technologien detailliert über Herkunft, den Produktionsprozess, verwendete Materialien sowie die „Lebensgeschichte“ des Textils informiert. Käufer können die Informationen ergänzen, etwa wenn ein Kleidungsstück weitergegeben wird.  

Lassen sich Textilien denn schwerer recyceln als andere Produkte?
Ja. Wir begegnen hier drei großen Herausforderungen: Zum einen müssen Kleidungsstücke recyclingfähig sein, damit sie in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden können. Das heißt konkret: Das Produkt muss aus einem Material bestehen oder trennbar sein – zum Beispiel indem ein innovatives Garn vernäht wird, das sich bei der Trennung auflöst. Recyceln lassen sich derzeit nur sortenreine Materialien.

Und die anderen beiden Faktoren?
Wir brauchen Rückgabe-Optionen für die Endprodukte – und spezifisch gekennzeichnete Altkleider-Container. Altkleidung sollte nur in Container von offiziellen, legalen  Sammlern zurückgegeben werden, wie etwa die vom Dachverband FairWertung.  

 

Altkleidung wird aber doch bereits recycelt ...
Im konventionellen Recycling wird Altkleidung geshreddert. Dabei werden die Fasern kurz geschnitten. Das Material taugt damit lediglich noch als Füllmaterial und wird beispielsweise verwendet, um Autositze auszustopfen. Die technologischen Entwicklungen der letzten fünf bis zehn Jahre ermöglichen es heute, die Länge der Fasern beim Recycling zu erhalten – und damit den Wert des Materials. Dafür müssen die Produkte jedoch, wie bereits erwähnt, aus einem Material bestehen oder trennbar sein.

Was haben Mode-Unternehmen konkret davon, wenn sie Ihr circular.fashion system nutzen?  
Auch die großen Unternehmen der Modebranche haben inzwischen erkannt, dass es künftig wirtschaftlich nicht mehr realisierbar sein wird, wenn sie ihre Produkte nicht als Ressource begreifen. Außerdem gewinnt das Unternehmen durch nachhaltige Produktion im öffentlichen Diskurs an Ansehen.

Mit welchen Unternehmen haben Sie bereits zusammengearbeitet?
Vor Kurzem haben wir zum Beispiel mit Hugo Boss einen zweitägigen Workshop durchgeführt. Gemeinsam mit 40 Designern haben wir uns konkrete Produkte des Hauses angeschaut und überlegt, wie diese recyclingfähiger werden könnten. Und mit dem Hamburger Modelabel JAN ’N JUNE haben wir 2015 in einem Kooperations-Kollektiv auf Basis unseres circular.fashion systems eine Kollektion entwickelt, die komplett aus recyclingfähigen Materialien hergestellt wird. Eine absolute Innovation war hier der Einsatz chemisch recycelter Baumwolle.

Welche Möglichkeiten bietet sich dem Endverbraucher durch nachhaltigere Ansätze in Produktion und Vertrieb von Mode?
Für die Kunden ergeben sich ganz neue Konsum-Möglichkeiten. Rund 30 Prozent der Kleidungsstücke in unserem Schrank bleiben heute unbenutzt dort hängen. Wir kaufen einfach viel zu viel. Ansätze wie der Kauf und Verkauf gebrauchter Marken-Kleidung über gebrandete Second-Hand-Stores, den wir im Rahmen eines Workshops mit dem schwedischen Label Filippa K angestoßen haben, sind Beispiel für nachhaltigen Kleidungsvertrieb. Oder man leiht sich Kleidung aus, die man nur für einen kurzen Zeitraum benötigt – etwa ein Ballkleid oder Ski-Outfits. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Kleiderschrank luftig bleibt – man hat auch immer wieder Zugriff auf neue, trendige Modelle. Über die in circular.fashion-Produkte integrierte Smart-Labels erfährt der Kunde außerdem auf transparentem Wege wichtige Details über die Beschaffenheit der Kleidung.

 

Die meisten Menschen kaufen Kleidung allerdings gern neu ...
Das stimmt. Im Markt herrscht großes Interesse für den schnellen Wandel. Aber auch im sogenannten Fast-Fashion-Markt gibt es spannende Entwicklungen. Ansätze wie die Adidas Speed Factories, in denen Sportschuhe schnell, automatisiert und nah am Trend herstellt werden, lassen sich in neue Recycling-Konzepte integrieren. Der Gegenentwurf zur Fast-Fashion ist der ebenfalls wachsende Markt der nachhaltigen Slow-Fashion, die fair produziert, lange getragen, wiederverwertet und getauscht wird.   

Ist Slow-Fashion für Konsumenten wirklich attraktiv? Schließen sich die Begriffe schick und nachhaltig nicht irgendwie aus?
Nein, das ist längst nicht mehr so! Auf den Modenschauen der NEONYT Berlin, die ja seit diesem Jahr die Ethical Fashion Show und den Greenshowroom der Fashion Week Berlin ersetzt, kann man wirklich hinreißende Modelle sehen. Den Machern ist bewusst, dass sie in ihren Kollektionen den modischen Aspekt nicht vernachlässigen dürfen. Ebenso, dass die Kleidung erschwinglich sein muss. Die Anforderungen im Bereich der nachhaltigen Mode fasst das Label JAN ’N JUNE treffend zusammen: „stylish,  sustainable and affordable“.   

Wo kann ich mich außerhalb von Modemessen wie der NEONYT über nachhaltige Mode informieren?
Gerade Berlin bietet diesbezüglich viele Möglichkeiten. Die Stadt gilt weltweit als Hauptstadt für nachhaltige Mode und – neben Skandinavien – als Zentrum der grünen Modeszene.  Die internationale Fashion Revolution-Initiative ist hier sehr stark. Und Angebote wie NEONYT oder die Green Fashion Tours Berlin geben Interessierten einen intensiven Einblick in die Vielfalt der nachhaltigen Mode. Die hohe Kreativität, das Innovationspotenzial und die einzigartige Vernetzung sind klare Gründe, warum wir heute in Berlin sitzen.

Freiheit bedeutet für mich, dass jeder seinen Bedürfnissen nachgehen kann, ohne anderen zu schaden. Dass jeder die Möglichkeit hat, frei zu leben – intergenerationell, zwischenmenschlich, fair und ehrlich.
Ina Budde, Gründerin circular.fashion

Fotos:
Oben: ©circular.fashion
Mitte oben: links/rechts: ©circular.fashion
Mitte unten: links ©Myrka Studios, rechts © Ethical Fashion on Stage_Messe Frankfurt
Unten: ©Myrka Studios

 

 

 

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