Im Rhythmus der Elektrobeats

1989 fiel die Berliner Mauer. Eine Stadt wuchs zusammen – und die Jugend aus Ost und West tanzte gemeinsam in eine neue Freiheit: In leerstehenden Kellern, Fabrikhallen und Abrisshäusern entstanden legendäre Clubs wie das WMF, der Tresor, das E-Werk, das Ostgut oder das Cookies. Die meisten davon verschwanden wieder, wurden durch neue ersetzt. Berlin entwickelte sich zur Hauptstadt des Techno. Zur Partymetropole mit dem Berghain als Kathedrale. Heute zieht es jährlich rund drei Millionen Club-Touristen in die Stadt. Die Club-Kultur ist zum Wirtschaftsfaktor geworden.  

 

„Das Berghain stellt eine existenzielle Herausforderung dar: Es ist nicht allein ein Ort, um den Dampf einer Arbeitswoche abzulassen, einen Partner zu finden oder interessante Musik zu hören. Es ist ein freier Raum – was man dort macht, muss nicht aus der sonstigen Lebensweise ableitbar sein“, schreibt Tobias Rapp in seinem Buch „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjet“ (2009).

Das Berghain gilt als einer der besten Clubs der Welt. Vor seinen Toren bilden sich am Wochenende lange Schlangen. Party-Touristen und einheimisches Partyvolk hoffen auf Einlass. Nicht allen gelingt es, an der Türkontrolle vorbeizukommen, die als härteste Berlins gilt. Wem es gelingt, der kann der Extase freien Lauf lassen, denn ein ungeschriebenes Gesetz lautet „What happens in Berghain, stays in Berghain“. Fotos sind nicht erlaubt. Das funktioniert. Auch in Zeiten der Selfie-Kultur, denn im Berghain will man unter sich sein. Sich ungehemmt ausleben und bis spät in den Tag hinein tanzen.  

Ich bin dann in diese Clubszene eingetaucht. Und das waren so Orte, die ich als total wiedervereinigt empfand.
Sven Marquardt, Protagonist BERLIN BOUNCER

Wie kein anderer Club in der Stadt steht das Berghain für die Berliner-Clubkultur, denn seit nunmehr 30 Jahren schlägt der nächtliche Puls der Stadt im Rhythmus der Elektrobeats. Als „Mixtur aus Homo und Hetero, Ausland und Berlin, Mitte und Vorstadt, alle gleich unter dem Diktat des Sounds“  charakterisiert der Autor Airen den Berghain-Spirit in dem 2013 erschienen Sammelband „Nachtleben Berlin: 1974 bis heute“. Geprägt wurde dieser ebenso hedonistische wie tolerante Geist in der Berliner Clubszene. Seinen Anfang nahm er in einem neu gewonnen Gefühl der Freiheit: Als im November 1989 die Berliner Mauer fiel, begegnete sich die Jugend aus Ost und West in einem feierfreudigen Miteinander, aus dem eine neue Musik erwuchs: Techno. Exzessives Feiern und Tanzen wurden zum Lebensgefühl in einer Zeit des Umbruchs. „Jeder, den es betraf, musste erstmal lernen, was Freiheit überhaupt noch bedeuten kann“, erinnert sich Sven Marquardt, aufgewachsen im Osten der Stadt, heute Fotograf und Türsteher im Berghain. „Ich bin dann in diese Clubszene eingetaucht. Und das waren so Orte, die ich als total wiedervereinigt empfand.“

Auf freien Brachen, in leerstehenden Kellern, Fabrikhallen und in den vielen Abrisshäusern einer  zusammenwachsenden Stadt entstanden fast über Nacht Clubs. Einige erlangten schnell Berühmtheit – wie etwa der „Tresor“ in den Kellerräumen des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses in der Nähe des Leipziger Platzes, das WMF, das E-Werk, der Eimer in der Rosenthaler Straße, der Bunker in der Reinhardtstraße oder das Cookies. Die meisten verschwanden allerdings bald wieder oder wechselten die Location, andere wuchsen nach. Einige behaupteten sich, wie etwa der Tresor. Vorläufer des Berghain, das 2004 in die Räume eines ehemaligen Heizkraftwerks in Friedrichshain einzog, war der Techno-Club Ostgut.

Ein Meilenstein in der Entwicklung der Technokultur in Berlin war der 1. Juli 1989. Damals zog – von der Öffentlichkeit fast unbeachtet – die erste „Loveparade“ unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ durch die Stadt. Genauer gesagt: über den Kurfürstendamm. Aus dem kleinen Straßenumzug mit gerade einmal 150 Teilnehmern entwickelte sich schnell ein Massen-Event. Ende der 1990er tanzten  bereits 1,5 Millionen hinter den bunt geschmückten Wagen durch Berlin und feierten anschließend in den vielen Clubs der Stadt. Die Loveparade brachte den Techno ans Tageslicht. Sie löste sich schließlich in ihrer Kommerzialisierung auf, doch in der Berliner-Clubszene tanzte man weiter. Allerdings unter neuen Vorzeichen, denn die in den 1990ern noch recht familiäre Party-Szene der Stadt durchlebte im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends einen Wandel: Die Techno-Metropole Berlin entwickelte sich zum Magneten für den sogenannten „Easyjetset“: Party-Touristen aus aller Welt mischten sich fortan vor allem am Wochenende unter das heimische Party-Volk. Berlin wurde zur „Party-Metropole“.

 

Ich wurde im damaligen West-Berlin als Bewahrer der Freiheit stationiert und habe besonders in Berlin Mitte und Prenzlberg erleben können, wie diese Freiheit im Kunst-, Fashion- Lifestyle- und Nachtleben ausgelebt wurde und noch wird. Allerdings ist es in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden.
Smiley Baldwin, Protagonist BERLIN BOUNCER

Die internationale Strahlkraft der Berliner Club-Kultur hat diese zum ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor gemacht. Rund drei Millionen Touristen kamen 2018 zum Feiern und Tanzen nach Berlin, wie eine aktuelle Studie der Berliner Clubcommission belegt. Das ist fast ein Viertel des gesamten Hauptstadt-Tourismus. Insgesamt brachten 2018 rund 280 Clubs knapp 1,5 Milliarden Euro Umsatz in die Stadt. Und obwohl viele Locations inzwischen durch Neubauten verdrängt wurden oder von der Schließung bedroht sind, gibt es in Berlin heute nicht weniger Clubs und Veranstalter als vor zehn Jahren. Die Club-Szene ist außerdem ein wichtiger Impulsgeber für die Musikbranche. Insgesamt sitzen etwa 1.450 Unternehmen aus der Musikwirtschaft in Berlin, darunter mehr als 500 Unternehmen, die sich auf Musikproduktion und -verwertung spezialisiert haben. Lokale Branchenriesen sind Universal Music, die 2009 neu gegründete BMG Rights Management und die Deutsche Entertainment AG (DEAG). Im Sommer 2020 wird Sony Music seine Zentrale in die Hauptstadt verlegen.

Doch obwohl in Berlin Musik sämtlicher Richtungen produziert, aufgelegt und gespielt wird: Die Club-Szene steht immer noch vor allem für Electro Sound. Und für eine einzigartige kreative Freiheit. „Auch wenn es profan klingt, man kann hier sein, was man will“, erläutert Frank Künster die Faszination Berlins. „Nach Rosa Luxemburg ist Freiheit immer auch die der Andersdenkenden. Das meint auch jeden, der sich nicht den gesellschaftlichen Konventionen unterwerfen will. Sei es in Kleidung, sexueller oder politischer Orientierung, im Job oder Musikgeschmack. Auch wenn man ein Einhorn sein möchte – alles ist hier in Berlin möglich.“
 

Auch wenn es profan klingt: Man kann hier sein, was man will. Das bedeutet Freiheit.(Frank Künster, Protagonist BERLIN BOUNCER)
Frank Künster, Protagonist BERLIN BOUNCER

Frank Künster war Türsteher und Inhaber der vor zwei Jahren geschlossenen King Size-Bar in der Friedrichstraße. Und als solcher gestaltete er den Wandel des Berliner Clublebens von der Wende bis zur heutigen Partymetropole aktiv mit. Ebenso wie Sven Marquardt, der als Türsteher zunächst im Ostgut arbeitete bevor er als die gefürchtete Türkontrolle im Berghain übernahm. Oder Smiley Baldwin, der in den 19080ern als amerikanischer G.I. nach Westberlin kam und später im Delicious Doughnuts in der Rosenthaler Straße das Tor zum Partyleben hütete.

Regisseur David Dietl hat diese drei legendären Berliner Nachtgestalten mehrere Jahre lang mit der Kamera begleitet. Sein Film „Berlin Bouncer“, der am 11. April 2019 in die Kinos kommt, porträtiert nicht nur drei exzentrische Männer, sondern zeichnet auch die Entwicklung Berlins vom Mauerfall zur Partyhauptstadt nach. Wer dabei war, wird sich in manchem wiedererkennen. Wer später in die Stadt gekommen ist, wird einiges verstehen. Zum Beispiel, warum nicht nur das Berghain, sondern auch das Berliner Nachtleben eine existenzielle Herausforderung sein kann. Und warum in Berlin die Freiheit  auch in der Musik mitschwingt. /vdo

Für mich bedeutet #FreiheitBerlin, so zu sein wie man ist, sich nicht verstellen zu müssen. Die Stadt gibt einem die Möglichkeit, sich zu entfalten und seine eigene Stimme zu finden. Weil sie nicht wertet, sondern großzügig und tolerant ist.
David Dietl, Regisseur BERLIN BOUNCER

Fotos
Oben: BERLIN BOUNCER © Ben de Biel
Mitte oben: BERLIN BOUNCER_Sven Marquardt © Flare Film GmbH
Mitte: visitBerlin © Brian Harris/Alamy Stock Photo
Mitte unten: BERLIN BOUNCER_Smiley Baldwin © Flare Film GmbH
Unten: BERLIN BOUNCER_Frank Künster © Flare Film GmbH

Zurück zum Blog