„Ich wollte schon immer in den Spitzensportbereich“

Der Berliner Sebastian Riekehr betreut seit drei Jahren als Physiotherapeut die Mannschaft der Berlin Recycling Volleys. Ob hinter den Kulissen, im Massageraum oder am Rande des Spielfelds: Der 39-Jährige ist bei jedem Spiel des zehnfachen Deutschen Meisters dabei. Auch an den spielfreien Tagen betreut er das Team in enger Absprache mit dem Teamarzt und dem Athletik-Trainer rund um die Uhr. Das ist harte Arbeit, doch für Sebastian Riekehr ein Traumjob. 

 

Herr Riekehr, was gehört zu Ihren Aufgaben als Physiotherapeut der Berlin Recycling Volleys?
Ich bin quasi die „Mutti für alles“: Vor den Trainingseinheiten behandle ich die Spieler klassisch physiotherapeutisch mit Massagen, Wärme oder manueller Therapie. Und wenn während des Trainings etwas auf dem Feld passiert, bin ich als erster beim Spieler und entscheide, ob er dem Arzt vorgestellt werden muss oder wieder auf das Spielfeld kann. Darüber hinaus fordere ich für die Spieler Rezepte an und kümmere mich auch um die Nahrungsergänzungsmittel. So stelle ich sicher, dass die Spieler keine leistungsfördernden Stoffe zu sich nehmen, die auf der Doping-Liste stehen. Während der Saison muss ich rund um die Uhr für die Spieler erreichbar sein, um schnell reagieren zu können.

Wie sind Sie zu ihrem Job gekommen?
Ich bin seit 2016 festangestellter Physiotherapeut der Berlin Recycling Volleys. Vorher habe ich für ein Therapiezentrum gearbeitet, das verschiedene Spitzenvereine in Berlin betreut. Unter anderem ALBA Berlin und die Füchse Berlin. Ich wurde dann gefragt, ob ich nicht fest bei den Berlin Recyling Volleys anfangen möchte. Da habe ich nicht lange gezögert. Zunächst habe ich als Vertretung des Team- Physiotherapeuten gearbeitet, der ein Jahr später aus Berlin wegzog.

Ist dieser Job Ihr Traumjob?
Definitiv! Ich wollte schon immer als Physiotherapeut in den Spitzensportbereich. Das war immer mein Wunsch.

Gibt es typische Verletzungen bei Volleyballspielern?
Klassische Verletzungen bei den Spielern sind Sprunggelenks- und Knieverletzungen, die zum Beispiel durch Umknicken entstehen. Häufig sind auch muskuläre Verletzungen, wie zum Beispiel Muskelfaser-Risse im Bereich der Bauchmuskulatur. Die entstehen, wenn die Spieler aus der Rotation heraus auf den Ball schlagen.

Welches ist die schlimmste Verletzung, mit der Sie es bisher zu tun hatten?
Die kam zum Glück nicht in unserem Team vor. Beim ersten Play-off für das Bundesliga-Halbfinale gegen Frankfurt in der Max-Schmeling-Halle trat einer der gegnerischen Spieler einem Team-Kollegen beim Absprung auf den Fuß und knickte um. Das sah nicht schön aus. Unser Teamarzt und ich sind sofort raus auf das Feld. Das Sprunggelenk war luxiert, der Spieler musste ins Krankenhaus. Solch schwere Verletzungen kommen zum Glück selten vor.    

 

Berlin ist eine weltoffene Stadt, die viele Optionen bietet. Man muss sich nur das Passende heraussuchen.
Sebastian Riekehr, Physiotherapeut der Berlin Recycling Volleys

Wie sieht ein „normaler“ Arbeitstag für Sie aus?
Einen typischen Ablauf gibt es während der Saison für mich nicht. Morgens nach dem Aufstehen werfe ich zunächst einen Blick auf das Smartphone, um zu checken, ob Spieler Unterstützung benötigen. In der Regel hat das Team vormittags Krafttraining. Ich bin dann für Behandlungen im Trainingszentrum vor Ort, kümmere mich um Rezepte, Nahrungsergänzungsmittel etc. Nachmittags bin ich beim Balltraining anwesend – in der Hoffnung, dass nichts passiert. An Spieltagen kommen Spieler, die eine Behandlung wünschen, vormittags zu mir. Am Nachmittag bin ich knapp zwei Stunden vor dem Spiel in der Halle und bereite mein medizinisches Equipment für die Betreuung während des Spiels vor: Eisbox und Physiokoffer. Und ich fülle die Getränkeflaschen – mit isotonischen Getränken oder Wasser. Nach dem Spiel checke ich das Team noch einmal durch. Anschließend geht’s nach Hause.

Betreuen Sie das gesamte Team?
Ich bin für den gesamten Profi-Kader der Berlin Recycling Volleys verantwortlich, also für 13 Spieler. Ich habe lediglich einen Stellvertreter, der mich unterstützt. Meist behandle ich vier bis sechs Spieler am Tag. Manche kommen etwas öfter, andere seltener – je nach Trainingsintensität und Wohlbefinden. Den Behandlungsplan gestalte ich recht individuell und gehe dabei auch auf die Wünsche der einzelnen Spieler ein. Ich verbringe neun bis zehn Monate im Jahr mit dem Team, da lernt man sich schon gut kennen.

Wie messen Sie Ihren Behandlungserfolg?
Wenn zum Ende der Saison noch alle Spieler fit sind, haben wir alles richtig gemacht. In den letzten Jahren haben wir zum Saisonende noch das komplette Team auf dem Feld gehabt – und auch gewonnen!

 

Welches war Ihr bisher aufregendster Einsatz?
Am aufregendsten sind meist die Spiele am Ende der Saison, in den Final-Serien um die Deutsche Meisterschaft. Besonders in Erinnerung gelieben ist mir allerdings ein Spiel vor etwa zweieinhalb Jahren: Meine Frau war damals mit meinem zweiten Sohn hochschwanger. Es ging um den Einzug in die nächste Champions League-Runde im Spiel gegen Istanbul.  Im Hinspiel stand es 3:2 für die Türkei. Eine Stunde vor dem Spiel rief unser Team-Arzt an. Mein Stellvertreter durfte nicht auf der Spielerbank sitzen. Ich sollte sofort kommen. Meine Frau war davon natürlich nicht begeistert, die Wehen konnten jederzeit einsetzen. Aber ich musste los. Wir haben das Rückspiel schließlich 3:2 gewonnen. Und das Kind war noch nicht da. Insofern ging alles gut aus. Aber es war schon ein aufregender Tag!

Gab es auch spaßige Zwischenfälle?
Nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft in diesem Jahr haben die Spieler unserem Trainer Cédric Énard in einer Hotellobby den Kopf geschoren. Ich durfte das „Kunstwerk“ vollenden.

Wie halten Sie sich eigentlich selbst fit? Spielen Sie Volleyball?
Nein, mein Ausgleich ist meine Zeit mit der Familie. Und die Gartenarbeit. Ab und zu werfe ich allerdings mal einen Ball mit den Spielern.

10 Jahre Sportmetropole Berlin –  was macht für Sie die Sportstadt Berlin aus?
Berlin ist eine tolle Stadt. Und das sage ich nicht nur, weil ich in Berlin geboren und aufgewachsen bin. Es gibt hier nicht nur viele Sehenswürdigkeiten und ein breites kulturelles Angebot, sondern auch eine große sportliche Vielfalt. Man kann hier fast alles machen. Berlin ist eine weltoffene Stadt, die viele Optionen bietet. Man muss sich nur das Passende heraussuchen. (vdo)

 

Fotos: © Eckhard Herfet, Kopfscheren des Trainers: © Conny Kurth

 

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