Wir leben von den Früchten unserer Großeltern

Wie können wir Maschinen intelligenter machen? Was kommt nach dem Deep Learning?“ Und wie kann Künstliche Intelligenz Made in Germany’aussehen? Auf der 5. Rise of AI-Konferenz diskutieren Experten aus aller Welt am 15. und 16. Mai 2019 Fragen wie diese. In der Telekom Hauptstadtrepräsentanz in der Französischen Straße erörtern sie auf vier Bühnen Chancen, Risiken und die Zukunft der KI. Fabian J. G. Westerheide, CEO von Asgard Capital und Initiator der Rise of AI, erzählt mehr: über den aktuellen Stand der KI-Entwicklung – und warum Europa in puncto Künstliche Intelligenz nicht den Anschluss verlieren darf.

 

 

Freiheit bedeutet für mich, dass ich mich selbst entfalten kann. Dass ich tun kann, was ich möchte, ohne anderen Menschen damit zu schaden.
Fabian J. G. Westerheide, CEO Asgard Capital/Initiator Rise of AI

Herr Westerheide, seit der letzten Rise of AI-Konferenz in Berlin hat sich in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz vermutlich einiges getan. Was kann KI heute tatsächlich leisten?
Sie kann in großen Datenmengen Muster erkennen, daraus Handlungsentscheidungen vorbereiten und einfache Tätigkeiten ausführen. Die heutige KI ist weiterhin schwach. Das heißt einerseits, sie kann nach wie vor nicht denken und keine Eigeninitiative entwickeln. Das ist nicht schlimm, denn momentan liegt der Grad der Umsetzung Künstlicher Intelligenz in Industrie und  Gesellschaft erst bei ungefähr einem Prozent. Das heißt andererseits: Auf dem bestehenden Stand der Entwicklung können wir mit der Technologie bereits sehr viel machen.

Demnach werden uns die Maschinen sobald nicht beherrschen?
Ganz klar, nein. Im Bereich der starken KI ist die Forschung bisher nicht einmal ansatzweise weitergekommen. Es gibt zwar Projekte wie Googles DeepMind, das eine Künstliche Intelligenz entwickelt hat, die sich eigenständig in Fragestellungen einarbeiten kann. Doch das sind Ausnahmen. Das heute etablierte Deep Learning ist im Endeffekt nur eine Technologie. Der große Durchbruch ist hier bereits vor Jahren erfolgt. In der Entwicklung des Deep Learning zeichnen sich aktuell zwei Richtungen ab.

Und die wären?
Zum einen geht der Trend in Richtung Datenreduzierung: Künstliche Intelligenz kommt heute mit wesentlich weniger Daten zurecht als noch vor wenigen Jahren. Früher brauchte sie vielleicht 10.000 Katzenbilder, um daraus Muster ableiten zu können, heute sind es vielleicht noch 1.000. Irgendwann braucht die Software dann vielleicht nur noch 100 Bilder oder weniger. Gleichzeitig gibt es Fortschritte im Bereich des „Unsupervised Learning“. Das betrifft das Erkennen von Daten, die nicht gelabelt sind. An den Bild-Daten steht dann quasi nicht dran, dass sie Katzen zeigen. Trotzdem kann die KI sie identifizieren. Das Bedeutsame am Deep Learning ist: Die Technologie kann Maschinen bereits beibringen, zu lernen. Jetzt müssen die Unternehmen nur anfangen, Leute einzustellen, die Künstliche Intelligenz in Projekten auch einsetzen und sie trainieren können.   

 

Im Dezember 2018 hat die Bundesregierung eine KI-Strategie beschlossen. Danach soll Deutschland zum führenden Standort für KI werden. Wie stehen Sie dazu?
Um mal einen Fußballvergleich heranzuziehen: Das ist ein wenig so, als wenn der Bundestrainer sagen würde: „Wir wollen Weltmeister werden. Aber wir trainieren nicht dafür.“ Das Ziel wurde mit der KI-Strategie gesetzt, aber es fehlen eindeutig Handlungsempfehlungen und vor allem Messbarkeit. Ich vermisse an der KI-Strategie irgendwelche Ansätze von: Wir gehen das jetzt an! Das können die Chinesen zum Beispiel besser, die setzen direkt um.

Laut einer aktuellen Studie des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE) hängt Deutschland beim Thema Künstliche Intelligenz hinter Ländern wie China, Japan oder den U.S.A hinterher. Sehen Sie das auch so?
Deutschland und Europa haben bei dem Thema ganz klar den Anschluss verpasst. Eigentlich haben sie schon verloren. Das letzte Jahrhundert war ein amerikanisches. Das nächste wird ein chinesisches sein. Europa hatte seine glorreichen Jahre im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Heute noch basiert unsere komplette Wirtschaft auf den Errungenschaften der 1. Industriellen Revolution: auf Maschinenbau, Chemieindustrie und Mobilität. Wir haben keine führenden Unternehmen mehr in der Halbleiterindustrie, in der Telekommunikation oder der Software-Industrie – mit Ausnahme von SAP. Kurzum: In den Märkten, die in letzten 30 Jahren entstanden sind, spielen wir schon lange nicht mehr mit. Wir leben von den Früchten unserer Großeltern. Das kann noch eine Weile gutgehen. Aber jeder weiß, dass Geschäftsmodelle irgendwann sterben – und mit ihnen Firmen und Märkte. Wenn nichts Neues nachwächst.

Das klingt sehr schwarzmalerisch. Gibt es für das Dilemma eine Lösung?
Wir haben schon eine Chance. Aber es ist ein verdammt harter Weg: Wir brauchen mehr KI-Forschung und wir brauchen mehr KI-Firmen. Und es muss einen Ruck geben in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Alle müssen sich einig sein, dass sie KI wollen. Wenn das nicht passiert, male ich schwarz. Der Trend ist eindeutig: Wir steigen ab. Wenn nichts passiert, werden wir über Kurz oder Lang zum Freilichtmuseum für die Amerikaner und Chinesen. Noch können wir etwas dagegen tun. Aber es steht sozusagen 4:0 in der Halbzeit  – für China und die U.S.A.

 

Und wie schaut es in Berlin aus? Nach einer Erhebung der Technologiestiftung ist die Hauptstadt im bundesweiten Vergleich ein maßgeblicher Standort für Künstliche Intelligenz. Fast die Hälfte der deutschen KI-Start-ups wurde in Berlin-Brandenburg gegründet.
Berlin ist in Bezug auf KI eindeutig besser aufgestellt als alle anderen deutschen Städte. Deswegen lebe ich ja auch hier. Man will ja nicht in der zweitbesten Stadt leben, sondern in der besten. Knapp 50 Prozent aller deutschen KI-Firmen sitzen meiner Recherche nach in Berlin. Als KI- Start-up-Hub besitzt Berlin außerdem eine starke Ausstrahlungskraft für Talente – vor allem aus Osteuropa, den nordischen Ländern und Israel. Aber nicht auf dem gleichen Niveau wie etwa das Silicon Valley. Europaweit zählt Berlin mit Paris und London sicherlich zu den Top-KI-Standorten, aber weltweit spielt die Stadt im KI-Bereich nach wie vor noch eine untergeordnete Rolle.     

Was muss passieren, damit Berlin auch international auf hohem Niveau mitspielt? 
Berlin muss sich zunächst einmal strategisch zur KI bekennen. Dann müsste ein Netzwerk aufgebaut werden, das Forschung und Wirtschaft zusammenführt und einen regen Austausch herstellt. Berlin muss zum weltweit bedeutenden Zentrum für Künstliche Intelligenz werden. Die in der Stadt bereits existierenden Zentren sind leider noch weitgehend unbekannt. Sie könnten zu einem großen, internationalen Institut zusammengelegt werden, dass Spitzenforscher aus dem Ausland anwirbt. Auch die finanzielle Förderung der KI-Forschung könnte aufgestockt werden. Rechtssicherheits-Themen wie Datenaustausch-Kooperationen kann die Stadt selbst regeln. Auch eine Aufklärungskampagne über die Chancen und Risiken von KI hielte ich für gute Idee. Es geht darum, eine positive Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte hat aber auch Schattenseiten. Nehmen wir den Datenmissbrauch. Damit hat doch inzwischen fast jeder von uns zu kämpfen.  
Missbrauch ist hier schwer zu definieren. Wenn Google und Facebook die Daten nutzen, um ihr Geschäftsmodell zu optimieren, wo liegt denn da der Missbrauch? Kriminelle Energie sollte man immer unterbinden, Datendiebstahl sollte man unterbinden. Aber im Endeffekt müssen wir akzeptieren, dass wir Daten brauchen, um unsere Industrie am Leben zu erhalten. Wir müssen eine datengetriebene Perspektive haben.

Und das heißt?
KI braucht Daten, um trainiert zu werden. Forscher müssen heute in Europa um Daten wirklich betteln. Hier ist ein Umdenken erforderlich: Europäische Daten sollten innerhalb der EU frei geteilt werden dürfen. Der Export von Daten aus der EU heraus hingegen müsste kontrolliert werden. Zum Beispiel, indem Unternehmen wie Facebook Zölle auf europäische Daten zahlen, wenn sie diese in den USA nutzen wollen. Um diese Zölle zu umgehen, müssten Unternehmen aus Nicht-EU-Staaten wiederum größere Standorte in Europa aufbauen. Und das würde bedeuten: Wir hätten mehr Einfluss auf den Umgang mit den Daten.

 

Kommen wir zur diesjährigen Rise of AI: Was erwartet die Besucher auf der diesjährigen Konferenz?
Wir bieten eine bunte Mischung an Diskussionsrunden mit führenden Köpfen der KI-Welt, denn dialogischer Austausch ist mir sehr wichtig. Die Konferenz spielt im Wesentlichen auf vier thematisch definierten Bühnen: Auf der großen AI Future Stage werden in diesem Jahr Vertreter chinesischer Unternehmen sprechen und Einblicke geben in die dortige KI-Welt. Diskutiert werden auf dieser Bühne auch aktuelle Themen wie die deutsche KI-Strategie oder KI-Ethik. Auf der Unicorn Stage stellen wir KI-Firmen vor, die das Potenzial haben, ganz groß zu werden. Und auf der AI Applied Stage beleuchten wir die Anwendung der KI in der Industrie aus verschiedenen Blickwinkeln. Die AI Evolution Stage schließlich ist eine reine Bühne für Forscher: Experten stellen sich hier der Frage: Wie können wir Maschinen intelligenter machen? Hier geht es auch um kommende Trends. Zum Beispiel um die Frage: Was kommt nach dem Deep Learning?  

Und wohin geht der Trend?
Das übergeordnete Ziel ist sicherlich die Entwicklung einer starken KI. Die dafür notwendige Erinnerungsfunktion in Maschinen aufzubauen, ist jedoch ausgesprochen schwierig. Der KI fehlt nach wie vor das Transferwissen dafür. Künstliche Intelligenz muss heute noch sehr spezialisiert ausgebildet werden. KIs sind momentan reine Facharbeiter. Die nächste große Herausforderung besteht darin, bestehendes Wissen zu transferieren. Damit Maschinen sich in neue Bereiche hineinarbeiten können.   

 

Fotos: Porträt Westerheide: © Kopf & Kragen, restliche Bilder: Rise of AI © Matthias Wehofsky

 

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